Spielerträume
I have a virtual dream
20.03.2009 | Autor: Nils Ehring
Jeder von uns hat sie. Manche haben sie schnell wieder vergessen. Andere erinnern sich noch Jahre später an sie. Manchmal erfüllen sie uns mit Freude, ein anderes Mal machen sie uns einfach nur Angst. Wir reden hier nicht von unseren zahlreichen Ex-Freundinnen, sondern von Träumen. Genauer gesagt geht es um die Auswirkungen von Computer- und Videospielen auf das Unterbewusstsein und unsere Träume. Wenn wir Pfeife rauchend in unseren Krawall-Ohrensesseln über dieses Thema sinnieren, kommen zahlreiche Fragen auf: Träumen regelmäßige Spieler anders als Nicht-Zocker? Hat jemand, der gewalttätige Titel bevorzugt, auch brutalere Träume? Schaden uns Spiele in Bezug auf unsere Träume, oder können sie sogar von Vorteil sein?
Auf all diese bohrenden Fragen sucht die Psychologie-Professorin Jayne Gackenbach vom kanadischen Grant MacEwan College bereits seit 1998 die richtigen Antworten. Grundlage ihrer Forschung waren zahlreiche Umfragen, die sie mit Freiwilligen vom Campus durchführte und später auswertete. Ihre Ergebnisse sind verblüffend und geben einen Hinweis darauf, wie sehr die modernen Medien den menschlichen Geist beeinflussen können. Spiele haben in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle, denn im Gegensatz zum Film verlangen sie vom Konsumenten viel eher eine aktive Teilnahme und verleiten ihn dazu, mit offenen Augen zu träumen. Es mag zwar sein, dass die meisten von uns beim Zocken nicht gerade Gewichte stemmen oder einen Dauerlauf hinlegen, aber das Gehirn erscheint während des Spielens deutlich aktiver als beim Filmkonsum. Chef Peschkes zerebrale Aktivität beim Betrachten eines seiner so geliebten Michael-Bay-Werke dürfte sich beispielsweise auf Eichhörnchen-Niveau bewegen.
Der besondere Stellenwert der Spiele im medialen Kuddelmuddel scheint ausschlaggebend für Gackenbachs Studie gewesen zu sein. Im Rahmen ihrer letzten Untersuchung interviewte die Akademikerin insgesamt fünfundzwanzig Männer und zwei Frauen. Befragt wurden ausschließlich Hardcore-Spieler. Zu dieser Kategorie zählt Gackenbach Zocker, die mehrfach in der Woche und dann in mindestens zweistündigen Sitzungen spielen.
Die Dreamcatcherin
Jayne Gackenbach erforscht bereits seit Jahren die Auswirkungen von Videospielen auf das menschliche Unterbewusstsein.
Außerdem mussten die Umfrage-Teilnehmer in ihrem gesamten Leben rund fünfzig Titel gespielt und bereits seit ihrem zehnten Lebensjahr regelmäßig ein Gamepad in den Händen gehalten haben. In den Interviews befragte Gackenbach die Probanden zu Träumen, die in direktem Bezug zu den Spielerfahrungen stehen.
Darüber hinaus wurde noch die Frage geklärt, wie die Spieler sich selbst beim Ausüben ihres Hobbys wahrnehmen. Die gewonnen Antworten und die insgesamt 56 Traumbeschreibungen verglich die Wissenschaftlerin mit den Aussagen von Nichtspielern.
Phantasiewesen und Perspektivenwechsel
Bereits das erste Ergebnis ist überraschend. Demnach tauchen in den Träumen der Spieler Freunde nur halb so oft auf wie in denen der „Normalbürger“. Dafür sind die Traumwelten der Hardcore-Zocker mit deutlich mehr imaginären oder sogar toten Charakteren angefüllt. Viele der Teilnehmer steckten in den beschriebenen Träumen nicht im eigenen Körper, sondern in dem eines anderen Wesens. Einer der Studenten äußerte sich wie folgt zu diesem Phänomen: „Es ist letztlich wie in den Spielen, da schlüpfe ich auch viel lieber in die Rolle einer andersartigen Figur. Die haben in der Regel auch mehr Macht als ein Mensch.“
Souveränes Auftreten
Spieler haben deutlich weniger Alpträume als Menschen, die gar nicht zocken. Sie können ihre Träume besser kontrollieren.
Von einem solchen Phantasieszenario berichtete uns unser Leser FlauschiWauschi in seiner Traumbeichte: „Angefangen hat es damit, dass ich in einer Kutsche saß und ein Vampir war, dessen Auftrag es war, die sichere Reise der Kutsche zu gewährleisten. Als ich aus dem Kutschenfenster sah, schwenkte die Ansicht plötzlich auf eine Art 3rd-Person-View, und ich sah mich aus dem Fenster gucken und hinter der Kutsche einen Grizzly-Bären mit einem Einhorn hinterher eilen.“ Eine derartige Ansammlung von skurrilen Figuren dürfte selbst die erfahrene Traumdeuterin Gackenbach an ihre Grenzen bringen. Über das Phänomen der skurrilen oder toten Charaktere in den Spielerträumen konnte sie uns hingegen in einem kleinen Interview Auskunft geben: „Die befragte Generation von College-Studenten wird durch die Medien fast jeden Tag mit toten oder imaginären Figuren konfrontiert. Natürlich tauchen die dann auch in ihren Träumen auf. Man muss dabei immer berücksichtigen, dass Träume letztendlich immer das reale Leben reflektieren. Wenn man zum Beispiel sein Geld mit Schneeschaufeln verdient und den ganzen Tag nichts anderes macht, dann träumt man natürlich irgendwann davon.“
Auch auf den perspektivischen Wechsel bei Christians Traum hatte die Professorin eine Antwort parat: „Ähnliche Beschreibungen sind uns bei der Studie ebenfalls aufgefallen. Ich denke, dieses Phänomen taucht besonders häufig bei Spielern auf, da sie mit der 3rd-Person-Perspektive beinahe jeden Tag zu tun haben. Normalerweise braucht oder wünscht der Mensch sich diese Sicht auf die Welt oder sich selbst nicht im Alltagsleben. Es gibt allerdings Situationen, in denen dieser Perspektivwechsel auftauchen kann. Beispielsweise bei einer Meditation, extremem Stress oder einer todesnahen Erfahrung.“




