10tacle
Zu schnell gewachsen?
13.03.2008 | Autor: André
Bei 10tacle, einem der größten deutschen Hersteller von Computerspielen, stehen die Aktien nicht besonders gut – im wahrsten Sinne des Wortes: Der Kurs der 10tacle-Aktie, einst bis zu 15 Euro pro Stück wert, war vor kurzem auf fast 1 Euro eingebrochen. Aktuell steht er bei etwa 1,80 Euro. Entsprechend besorgt bis verärgert ist die Stimmung in einigen Börsenforen. Dort beschweren sich verschiedene Personen darüber, dass das Unternehmen zu sehr mit Informationen hinter dem Berg halte und damit für den Kurssturz verantwortlich sei. So mancher sieht hier gar schon eine weitere Pleite heraufziehen. Bei 10tacle hingegen rät man dazu, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und keine Panik zu verbreiten. Als börsennotiertes Unternehmen sei man sich seiner Veröffentlichungspflicht bewusst und auch nicht begeistert über den Aktienkurs, jedoch gebe es aktuell keine News zu vermelden.
Die Aufregung gipfelt derzeit in einigen Börsen- und mittlerweile auch in Spieleforen. Es stellt sich hier die Frage, ob eines der letzten großen Spieleunternehmen in Deutschland vor Problemen steht. Gerade die Fans von Rennsimulationen ziehen ihre Stirn in tiefe Sorgenfalten – immerhin ist 10tacle mit seinem Studio Blimey! Games in diesem Genre so was wie der Messias und der Osterhase in Personalunion. Als offizielles Börsenmagazin der Spieleszene erklärt euch Krawall.de mal ganz in Ruhe und der Reihe nach, worum es eigentlich geht und ob ihr jetzt schon zu Solidaritätskäufen schreiten solltet.
Verkaufszahlen nicht relevant
Eines der Foren, in denen diese Diskussion ihren Anfang nahm, ist das von Ariva.de, wo Armin Brack, unter anderem Chefredakteur des Magazins „Geldanlage Report“, einen langen Aufsatz zum Stand der 10tacle-Aktie veröffentlicht hat. Brack stellt diese in seinem Text praktisch als Musterbeispiel für eine überschätzte Aktie dar, deren Wert von vielen Seiten schön gerechnet wurde. Tatsächlich stünde 10tacle aber vor vielen Problemen, insbesondere einem zu dünnen Angebot an Spieletiteln, von denen auch noch viel zu wenige kommerziell erfolgreich seien. Titel wie „Panzer Tactics“ für den Nintendo DS oder „Warfront“ für PC hätten es nicht mal in die Top 100 der Verkaufscharts geschafft. Einzig die Spiele „Jack Keane“ und die erfolgreiche Rennserie „GTR“ seien als Erfolge zu verbuchen. Dabei ist aber zu beachten, dass die Hardcore-Rennsimulation und das Adventure nur Nischenmärkte bedienen und auch nur die Entwicklung in Deutschland betrachtet wurde.
„Jack Keane“ zum Beispiel hat nach Krawall-Informationen in seinem hiesigen Kernmarkt bis heute keine 30.000 Einheiten verkaufen können. Um GTR ist es dabei – Zweit und Drittverwertung außen vor – nicht viel besser bestellt.
Spitzenreiter
Die Spielereihe „GTR“ gilt in ihrem Genre als unschlagbar und ist 10tacles bislang wohl erfolgreichste Marke.
Doch möglicherweise sind diese Absatzzahlen gar kein Grund zur Sorge. Denn in den Verträgen mit den Publishern werden Entwicklern oftmals feste Absatzgarantien eingeräumt, um frühzeitig die Risiken der Entwicklungskosten abzusichern. Branchenkenner raten daher von voreiligen Schlüssen ab, die Verkaufszahlen der Spiele seien kein Indikator für die Rentabilität der Produkte. Im Klartext: Der jeweilige Publisher der Spiele verpflichtet sich gegenüber dem Entwickler, eine bestimmte Anzahl an Spielen zu kaufen.
Wie viele er davon wiederum tatsächlich an Spieler wie unsereins weiterverkaufen kann, ist für Unternehmen wie 10tacle dann erst mal egal. Allein zusätzliche Einnahmen durch so genannte „Royalties“ – eine prozentuale Beteiligung bei besonders guten Verkäufen – fallen bei niedrigen Verkaufszahlen meist aus der Rechnung.
Kreative Bilanzierung?
Zudem wirft Brack dem Unternehmen eine „kreative Bilanzierung“ vor. So vermutet Brack, dass viele offene Forderungen, die das Unternehmen bilanziert, möglicherweise noch nicht so sicher seien, wie sie dargestellt würden, was die erwarteten Gewinne erheblich schmälern könnte. Weiterhin schreibt Brack: „Bilanztechnisch ebenfalls kritisch ist die so genannte Aktivierung von Eigenleistungen: Das ist ein - bis zu einem gewissen Grad – legaler, aber umstrittener Trick, mit dem die eigenen Entwicklungskosten zur Werterhöhung des Anlagevermögens auf der Aktivseite der Bilanz verbucht werden.
Teurer Spaß
„Elveon“ wird derzeit von einem neuen Studio von Grund auf neu entwickelt - rund vier Jahre wurden zuvor schon investiert.
So kann einerseits das Eigenkapital erhöht werden, andererseits müssen diese Kosten in der GuV nicht als Aufwendungen ausgewiesen werden.“ Einfach ausgedrückt bedeutet das: Das Geld, dass für die Entwicklung ausgegeben wird, verbucht die Firma im von Brack beschriebenen Falle nicht als Kosten. Stattdessen geht sie davon aus, dass die Software, die sie entwickelt, einen eigenen Wert besitzt, der dem Unternehmen ja weiterhin erhalten bleibt. Das Geld verbleibt nach dieser Sicht der Dinge also im Grunde in der Firma und wechselt nur von den liquiden Mitteln ins Anlagevermögen.
Ohne Netz und doppelten Boden?
Zu all dem käme auch noch hinzu, so Brack weiter, dass der Hersteller in seiner Finanzplanung keinen finanziellen Puffer für eventuelle Verzögerungen in der Entwicklung vorsehen würde. Dass aber auch 10tacle vor dem in der Branche gängigen Übel der unerwarteten Verzögerungen nicht gefeit ist, sieht man am Beispiel von „Elveon“. Einst als das wichtigste Top-Project von 10tacle angekündigt, hörte man in der Vergangenheit zunehmend weniger und weniger von dem Beat’em up, das an die damals sehr populären Actionspiele zur „Herr der Ringe“-Filmreihe erinnerte. Ein eigens gegründetes Studio in der Slowakei wurde mit der Umsetzung betreut, allein die Hintergrundgeschichte, so hieß es damals, war auf 300 Seiten ausgearbeitet worden. Mittlerweile, so bestätigt 10tacles Produkt-PR, wurde das Projekt nach zahlreichen Verschiebungen an die Climax Studios übergeben. Wie genau die Änderungen am Spielkonzept aussehen, will 10tacle in den kommenden Monaten vorstellen. Grundsätzlich werde „Elveon nicht mehr das Spiel sein, das wir anfangs erdacht und präsentiert haben, aber zumindest die gleiche Optik aufweisen“. Die Veränderungen seien vor allem aufgrund von Feedback aus den englischen Vertriebsgebieten notwendig geworden.
Mitarbeiterschwund
Ob der Konzeptwechsel und die Umstrukturierung zu Entlassungen unter den rund 50 Mitarbeitern von 10tacle Studios Slovakia, so der offizielle Name des ursprünglichen Studios, geführt haben, ist unbekannt. Gerüchte in der Branche sprechen jedoch von Entlassungen bei 10tacle, sowohl in den Entwicklungsstudios als auch in Deutschland. Als sicher darf gelten, dass Mitarbeiter aus PR und Marketing bereits nach „neuen Herausforderungen“ suchen.




