Strike!
Martina van Boxen
02.02.2009 | Autor: Nils Ehring
Wer in letzter Zeit interessiert unsere etwas vernachlässigte Special-Rubrik verfolgt, dem dürfte aufgefallen sein, dass wir letzte Woche im Theater waren. Dort haben wir uns nicht irgendein x-beliebiges Brecht-Stück angeschaut, sondern eine Aufführung, die die Welt der Computerspiele zum Thema hat. Genauer gesagt setzt sich „Strike! Heute Nacht schlagen wir zurück“ nicht nur explizit mit „Counter-Strike“ auseinander, sondern auch mit der Pubertät, Spielesucht und dem stets proklamierten Verbot von sogenannten Killerspielen. Wir hatten vor Kurzem die Gelegenheit, mit der Regisseurin des Stückes, Martina van Boxen, über einige dieser Themen zu sprechen.
Krawall: Warum genau haben Sie sich für das Thema Computerspiele entschieden? Was hat sie daran gereizt?
Martina van Boxen: Also, ich arbeite hin und wieder auch mit Jugendlichen, vorrangig mit Hauptschülern. Bei denen war das Spiel „Counter-Strike“ immer wieder ein Thema. Ich kannte das gar nicht, hatte überhaupt keine Ahnung von dieser Materie. Aber mich hat es sehr beschäftigt, wie die Schüler immer wieder über dieses Spiel gesprochen haben. Ich wollte das Ganze etwas näher kennenlernen, und dann hat mir zufällig ein Verlag dieses Stück angeboten.
Mittendrin statt außen vor
Der Inszenatorin legte Wert darauf, dass das Publikum direkt mit dem Geschehen konfrontiert wird.
Krawall: Wie sind Sie dann in die Materie eingetaucht? Wie haben Sie für das Stück recherchiert?
Krawall: Wie haben Spieler auf die Aufführung reagiert? Die Macherin Diese Gelegenheit hat aber leider keiner von denen, die sich so aufgeregt hatten, wahrgenommen. Trotzdem kommen in die Vorstellung natürlich viele, die „Counter-Strike“ spielen. Bei einigen Gesprächen nach der Aufführung kam heraus, dass die meisten sich im Stück aufgehoben fühlen. Es kommen auch viele Eltern mit ihren Kindern oder die Freundinnen von Spielern. Ich habe mehrfach gehört, wie Leute gesagt haben: „Jetzt verstehe ich endlich, wovon mein Sohn beziehungsweise mein Freund redet, was er denkt und was in ihm abgeht.“
van Boxen: Also der Autor Lorenz Hippe hat zahlreiche Gespräche mit Jugendlichen geführt, die er mir alle geschickt hat. Außerdem habe ich einen von meinen Schülern hinzugezogen, der dann quasi mein „Counter-Strike“-Berater wurde und von Anfang an bei den Proben dabei war. Er hat ganz viel mit uns geredet, sowohl mit den Schauspielern als auch mit mir. Er hat mir dann auch das Spiel gezeigt und darauf bestanden, dass ich es selbst mal spiele. Aber ehrlich gesagt bin ich viel zu langsam dafür.
van Boxen: Wir haben blöderweise einen Formulierungsfehler in unserer Ankündigung gehabt. Daraufhin entbrannte eine wüste Diskussion im Netz. Da ging es richtig heiß her. Uns wurde vorgeworfen, wir seien richtig schlimme Menschen und uns ginge es nur darum, die Spieler zu denunzieren. Ich hab dann darauf reagiert und die Leute spontan zu einer Probe eingeladen.
Regisseurin Martina van Boxen war es sehr wichtig, dass das Stück „Strike!“ authentisch und nicht aufgesetzt wirkt.
Krawall: Das Thema Killerspielverbot, das innerhalb des Stückes eine große Rolle spielt, ist ja gerade brandaktuell. Wie ist Ihre persönliche Meinung dazu?
van Boxen: Ich finde, Verbote sind Quatsch. Ich denke zwar, dass diese Art von Spielen für einige Menschen durchaus gefährlich sein kann, weil sie sich komplett darin verlieren und sie als Flucht aus dem Alltag benutzen. Ein Verbot dieser Spiele hätte aber meiner Meinung nach keine Wirkung, sondern würde höchstens dazu führen, dass das Ganze im Untergrund weitergeht.
Krawall: Glauben Sie, dass das Thema Computerspiele öfter im modernen Theater aufgegriffen werden sollte?
van Boxen: Ich finde zum Beispiel die Ästhetik von Computerspielen sehr interessant. Man sollte so etwas ruhig öfter auf die Bühne bringen.
Spielerfahrung
Die Akteure sind in puncto Spielen keine unbeschriebenen Blätter. Beide kennen sich in der virtuellen Welt gut aus.
Die Frage, ob und wie man Medien mit ins Theater einbaut, geistert ja bereits seit langer Zeit durch Theaterkreise. Ich bin eine große Freundin dieser Herangehensweise, aber das sehen viele halt auch anders.
Krawall: Wie haben sich eigentlich die beiden Schauspieler auf ihre Rollen vorbereitet? Waren Computerspiele eine vollkommen fremde Welt für sie?
van Boxen: Nein, die haben beide vorher schon ein bisschen gespielt. Wir haben das Spiel auf meinem Dienstlaptop installiert, so dass sie dann hier schon mal ein bisschen einsteigen konnten. Dann kamen später noch die beiden Rechner dazu, auf denen die zwei auch während der Aufführung spielen. Dort haben die Schauspieler vier Wochen vor der Premiere mindestens zwei Stunden vor jeder Probe gespielt. Es war mir und ihnen sehr wichtig, dass sie sich in dem Bereich auskennen, über den sie im Stück reden.
Krawall: Uns ist aufgefallen, dass während der Aufführung immer wieder Original-Sounds aus „Counter-Strike“ zu hören sind. Wie wichtig war Ihnen diese Integration von authentischen Geräuschen?
van Boxen: Die Idee dazu kam von unserem „Counter-Strike“-Berater. Der hat mir irgendwann mal erzählt, dass das Spiel immer mehr seinen Alltag beeinflusst hat.
Spielen als Warm-up
Die beiden Schauspieler zockten vor jeder Probe „Counter-Strike“, um in ihre Rollen zu schlüpfen.
Er stellte sich immer häufiger vor, dass er im Spiel wäre. Dieses Gefühl wollte ich vor allem noch sinnlicher darstellen, und so kam die Idee mit den Soundschnipseln zustande.
Krawall: Der Veranstaltungsort, die gemütliche Eve-Bar, hat ja ein ganz spezielles Ambiente. Denken Sie, das Stück würde auf einer großen Bühne anders wirken?
van Boxen: Natürlich lässt sich „Strike!“ auch auf einer Bühne aufführen. Ich habe mir allerdings speziell diesen Raum für das Stück ausgesucht. Mir war diese Intimität sehr wichtig. Der Zuschauer soll eben nicht die Möglichkeit haben, sich zu entziehen. Bei einer normalen Bühnensituation kann der Betrachter sich viel leichter einfach zurücklehnen und sich das Stück distanziert anschauen. Wenn man allerdings mittendrin sitzt, dann nimmt man die Aufführung viel direkter in sich auf. Das war mir gerade bei „Strike!“ sehr wichtig.
Krawall: Vielen Dank für das Gespräch.
van Boxen: Ich danke Ihnen auch.



