- eXperience112
-
- Publisher: Daedalic
- Entwickler: Lexis Numérique
- Genre: Adventure
- Release: 06.03.2008
Big Brother auf Kreuzfahrt
18.03.2008 |
|
Autor: Hauke
Wir schreiben das Jahr 1984, und die Welt dreht sich wie gehabt um ihre Achse. George Orwell scheint mit seiner visionären Dystopie eines Überwachungsstaates daneben gegriffen zu haben. Anstatt eines großen Bruders, der unser Leben auf Schritt und Tritt im Auge behält, geht in Deutschland erstmals das Privatfernsehen auf Sendung, und das Übel nimmt seinen Lauf. Deutschlands Senderlandschaft wird in der Folgezeit um einige revolutionäre Programmformate reicher, der Massenmarkt schreit jedoch nach trivialer Unterhaltung. 16 Jahre dauerte es, bis RTL II mit „Big Brother“ Orwells finstere Visionen auf begrenztem Raum zur Wirklichkeit werden ließ. Zu diesem Zeitpunkt waren Kameras an öffentlichen Plätzen in Großbritannien, Orwells Heimat, schon seit einigen Jahren Realität, und es gibt sicherlich viele, die gerne selbst einmal durch das elektronische Auge blicken und ihre Mitmenschen beobachten würden. Es ist offensichtlich: Der natürliche Drang zum Voyeurismus lässt sich nur schwer unterdrücken, also lasst uns an die Kameras!
Ich sehe dich!
Alles beginnt mit einem gestrandeten Schiff. Das Introvideo zeigt uns einen Frachter, der an einer tropischen Küste auf Grund gelaufen ist. Das Schiff ist von zahlreichen Pflanzen überwuchert, Rost frisst sich durch den Stahl. Was ist hier passiert? Genau das müssen wir herausfinden. Schon der erste Blick auf das Interface zeigt uns: „eXperience 112“ ist anders. Anstatt einer aufwändig gerenderten, möglichst großformatig dargestellten Umgebung, die das Interface dezent an den Rand drückt, könnte man hier meinen, dass man sich noch das Betriebssystem anschaut. Taskbar und Fenster tummeln sich harmonisch über einem Desktophintergrund, der sich sogar verändern lässt, genau wie das Farbschema der Fenster und Kontrollleisten. Das wichtigste Werkzeug im Kampf gegen das Unwissen stellt jedoch die schematisierte Gebietskarte dar, auf der Türen, Lichtschalter, Computer und Kameras eingezeichnet sind. Im Gegensatz zu herkömmlichen Adventures bewegen wir uns nämlich nicht in Point&Click-Manier durch die Spielwelt. Bei Lexis Numérique, den Schöpfern von „In Memoriam I & II“, setzt man vielmehr auf ein völlig neues, innovatives System.
Dornröschen erwacht
Der erste Blick in das Innere des Schiffes zeigt uns eine schlafende oder ohnmächtige Frau, die regungslos in der Koje liegt. Nach wenigen Sekunden gerät Leben in die Szene; die Frau erhebt sich. Die ersten Kommentare sind eindeutig, die Dame ist verwirrt. Schnell entdeckt sie unsere Kamera, und wir fangen an mit Lea Nichols zu kommunizieren. Eigentlich gar nicht so schwer, schließlich können wir die Kameras bewegen, Nicken und Kopfschütteln sind also leicht umzusetzen. Im folgenden kurzen Tutorial stellen wir fest, dass das Interface an vielen Stellen zugangsgeschützt ist und wir uns die nötigen Passwörter erst erarbeiten müssen. Ab jetzt lenken wir Lea durch die Spielwelt, indem wir Lichter an- und ausschalten, Computer aktivieren und Türen öffnen oder schließen.
Erfrischend anders
„eXperience 112“ schafft ein neuartiges Adventure-Feeling. Die spannende Geschichte motiviert bis zum Ende.
Für jeden Perspektivwechsel müssen wir eine neue Kamera aktivieren, wobei bis zu drei Sichtfenster gleichzeitig geöffnet sein können. Leider stoßen wir schnell an die Grenzen unserer Möglichkeiten, denn in dunklen Räumen oder bei weit entfernten Gegenständen müssen wir zu Spielbeginn passen. Doch Stück für Stück werten wir die verfügbaren Optiken auf, indem in Zusammenarbeit mit Lea Infrarot-, Restlicht- und Zoomobjektive freigeschaltet werden. Später sind sogar so exotische Add-Ons wie Pheromonscanner steuerbar.
Die Geschichte einer Datenbank
Dass die Aufwertung der technischen Mittel in die Rätselgestaltung einfließt, versteht sich dabei von selbst.
Pinnwände werden beispielsweise per Zoom nach Notizzetteln mit Hinweisen auf Zugangsdaten abgesucht. Meist finden sich wichtige Informationen auch in den Datensätzen, die über die Benutzeroberfläche zugänglich sind. Neben immer wieder wichtigen Informationen zu den Mitarbeitern finden sich hier Projektdaten und Memos, die Aufschluss über die genaueren Details der Geschichte geben. Was hat es beispielsweise mit dem EDEHN-Projekt auf sich, das anscheinend unter das Militärrecht fällt? Und wozu dient das rätselhafte Hydroxid-Oxydrin?
Die Hauptelemente der Story werden durch Flashbacks erzählt, was das Gameplay spürbar auflockert. Dabei bleibt „eXperience 112“ stets angenehm erwachsen.
Ideenreich, mit Macken
Das innovative Interface besitzt Schwächen im Detail. Wenig Grund zur Klage gibt es bei den überzeugenden, anspruchsvollen Rätseln.
Die Atmosphäre ist bedrückend und die Rätsel können mit gutem Gewissen als herausfordernd bezeichnet werden. Es empfiehlt sich, Stift und Zettel neben dem Monitor zu platzieren, um Gedankengänge und wichtige Hinweise zu notieren. Zwar finden sich in den Computerdatenbanken des EDEHN-Projektes stets die nötigen Informationen, diese sind jedoch in den seltensten Fällen zusammenhängend abgelegt, um es dem Spieler nicht zu einfach zu machen. Neben Passagen, in denen wir Roboter steuern, um unzugängliche Regionen zu erreichen, müssen Chiffretabellen entschlüsselt und sogar einmal eine Bombe entschärft werden. Langweilig wird die Rätseltour also auf keinen Fall.
Das Licht am Ende des Tunnels
Für einen reibungslosen Spielablauf sorgt auch Leas solide programmierte Intelligenz. Ecken, Kanten und Objekte in ihrem Weg umläuft sie elegant, und es passiert nur selten, dass sie nicht mitbekommt, welchen Anlaufpunkt wir als nächstes für relevant halten. Wichtig ist nur, dass wir auf der Übersichtskarte einen Punkt nach dem anderen abarbeiten und nicht innerhalb weniger Sekunden Türen in gegensätzlichen Richtungen öffnen oder mit der Lichtorgel spielen, statt einen eindeutigen Korridor zu schaffen. Abgesehen davon, dass Lea unseren Gedankengängen so besser folgen kann, ist ein strukturiertes Vorgehen auch für den Spieler weniger verwirrend, da sonst schnell wichtige Informationen übersehen werden können. Lea hilft gerne dabei, Ordnung zu schaffen. Sie stellt abzuarbeitende Ziele auf, die über die Taskleiste eingesehen werden können. Erreicht man eine knifflige Rätselpassage, kommentiert sie die Situation und gibt mitunter hilfreiche Tipps, wobei häufige Wiederholungen derselben Sprachsamples auch schnell nerven können, wenn man sich konzentrieren möchte.
Pimp my Adventure
Da hilft auch die Tatsache nicht, dass Ranja Bonalana der werten Frau Nichols ihre Stimme leiht. Wenn die euch bekannt vorkommt, kann das daran liegen, dass Kate Austin in der Erfolgsserie „Lost“, Prue in „Charmed: Zauberhafte Hexen“ und June Carter in der Verfilmung von Johnny Cashs Leben „Walk the Line“ in derselben Tonlage sprechen. Ähnlich professionell ist die restliche Vertonung geglückt. Die sparsam eingesetzten Soundeffekte und die minimalistische Musik sorgen immer wieder für Gänsehaut. Leider macht das innovative Interface die Gruselstimmung schnell zunichte, denn die Steuerung birgt einige Tücken. Wie man sich vorstellen kann, benötigt das Aktivieren und Abschalten der Kameras, Lichtquellen und Computer sowie die Bedienung der Türen zahlreiche Klicks.
Selten wurden unsere Maustasten so sehr beansprucht wie bei „eXperience 112“. Zudem birgt die Bedienung über die Karte einige Tücken. Sobald Schalter nah beieinander liegen, erwischt man häufig versehentlich die falschen Knöpfe, und eine vermeintlich gezielte Aktion verkommt zu einem Glücksspiel. Die Kamerasteuerung hingegen funktioniert nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wie von selbst, und die Möglichkeit, mehrere Blickwinkel gleichzeitig auf dem Monitor zu haben, ist immer wieder hilfreich.



