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  • eXperience112
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Adventure ohne Feuerwehr

11.02.2008 | PC | Autor: Hauke

Ersteindruck:
75 - 84%
Selbst gespielt:
Nein

Zwei Telefonnummern lernt jedes Kind, sobald es sprechen kann – die 110 und die 112. In Anbetracht der meist mittelmäßigen Feuerwehrsimulationen, die in schöner Regelmäßigkeit veröffentlicht werden, schwante dem erfahrenen und leidgeprüften Spieleredakteur Übles. Doch wie so oft kam alles anders als erwartet. In Hamburg wurde unser Redaktionswikinger von Daedalic-Pressesprecher Claas Paletta darüber aufgeklärt, dass „eXperience112“ aus Frankreich kommt, wo die 112 kein Notruf sei. Das stimmt zwar nicht, ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Nummer im Titel nichts mit roten Autos und Blaulichtern zu tun hat.

Wrack in Sicht
Schon das gerenderte Intro zeigt, dass die Rettungskräfte mit ihrem Tatütata viel zu spät kämen. Die Kamera schwebt durch ein Dschungelszenario, das auf den ersten Blick an „Crysis“ oder „FarCry“ erinnert. Dass dann auch noch ein Frachter an der Küste gestrandet ist, weckt endgültig Erinnerungen an das Flugzeugträgerlevel in Crytecs Shooterklassiker. Der Kahn wirkt allerdings, als läge er schon seit Jahren an den schroffen Felsen, der Lack blättert an vielen Stellen ab, und große Bäume bedecken das Deck. Wenige Sekunden später fällt der Blick der Kamera auf eine Frau, die wie tot in ihrer Kajüte liegt. Doch nach wenigen Sekunden fängt die junge Dame an sich zu bewegen. Stöhnend erhebt sie sich. Wie kommt sie in dieses Schiff? Sie sieht nicht aus wie jemand, der seit Jahren ein Leben als einsamer Robinson fristet. Dafür ist sie zu gepflegt, die Kleidung ist intakt, und auch ansonsten wirkt sie recht frisch. Doch ihre geistige Fitness scheint gelitten zu haben, denn sie wirkt erst einmal recht verwirrt. Hört man ihrem Monolog zu, erfährt man, dass sie das Schiff und dessen Crew zu kennen scheint. Hier beginnt die Odyssee durch den Bauch des stählernen Giganten. Dabei schlüpfen wir mitnichten in die gepflegte Haut Lea Nichols, so heißt unsere Schiffbrüchige. Stattdessen bleiben wir anonym und interagieren auf äußerst ungewöhnliche Weise mit der Heldin.

Schon wieder ein neues Betriebssystem?
Unser Blick fällt auf einen Desktop mit einer Menüleiste am linken Rand, einem geöffneten Kamerafenster und einem Kartenfenster. Von hier aus steuern wir die Elektronik des Schiffes und interagieren so mit der Umwelt. Das klingt nicht nur innovativ, sondern ist es auch. Lea bemerkt nach kurzer Zeit, dass die Kamera in der Zimmerecke, durch die wir sie beobachten, aktiv ist. Verstört fragt sie, ob jemand da sei, und mit einer vertikalen Mausbewegung lassen wir die Kamera nicken.

Spiel mit der Kamera
Dank seines innovativen Gameplays macht das Spiel durchaus Lust auf mehr. Auch das düstere Szenario kann überzeugen.

In den folgenden Minuten stellen wir fest, dass wir über die Karte Lampen an- und ausschalten, Türen öffnen und schließen sowie Computer bedienen können. Dabei müssen wir uns oft zusätzlich auf Leas künstliche Intelligenz verlassen. Sie läuft in Richtung gerade aktivierter Lampen, Rechner oder Computer und teilt uns ihre Gedanken und Erinnerungen mit.

An besonders wichtigen Stellen werden wir sogar Zeuge von gerenderten Flashbacks, was zwar unlogisch ist, die Geschichte aber vorantreibt. Schnell stoßen wir an erste Grenzen, als weder wir noch die Wissenschaftlerin, das war Leas Position an Bord, eine Tür öffnen können. Ein Blick auf die andere Seite offenbart nur vage Bewegungen in der Dunkelheit – wir brauchen einen Restlichtverstärker. Im Laufe des Spieles finden wir immer mehr Module für die Kameras. Nach und nach können wir zoomen, einen Infrarotmodus hinzuschalten und sogar Pheromone scannen. Natürlich ist jede dieser Optionen relevant für die zahlreichen Rätsel, die auf uns warten.

Freitag im Fokus
Zurück zu der verschlossenen Tür. Mit der Restlichtverstärkung erkennen wir einen heruntergekommenen, verwahrlosten Mann, der diese zuhält.

IQ-Frage
Technisch gibt der Titel keine schlechte Figur ab. Abzuwarten bleibt, wie clever die Schiffbrüchige wirklich ist.

Kaum bemerkt er die aktive Kamera, rennt er verstört weg – der Weg ist frei. Immer wieder gilt es, Codes zu finden, die richtigen Schalter zu drücken oder Gefahren zu umgehen. Dabei werden die Rätsel zusehends komplexer. Um später zum Beispiel an eine Zugangskarte in einem mit giftigem Gas gefüllten Labor zu kommen, stattet Lea einen Robotter mit einer Kamera aus, und wir können den kleinen Helfer steuern. Dabei kommt uns die Tatsache zu Gute, dass sich die Benutzeroberfläche tatsächlich wie ein Betriebssystem verhält. Mehrere Fenster lassen sich gleichzeitig öffnen, und so können wir mehrere Perspektiven gleichzeitig im Auge behalten, Benutzerdateien als Gedächtnisstütze in den Hintergrund legen und gleichzeitig die Kontrollkarte einsehen.

Selbst die Ladebildschirme erinnern an ein modernes OS, allerdings denkt man hier unwillkürlich an Linux. Laufwerke werden gemounted, und das Netzwerk wird über dev/eth0 angesprochen – ein Schmankerl für Computerprofis abseits des allgegenwärtigen Windows Gamings. Doch nicht nur Systemadministratoren finden Referenzen aus anderen Produkten. An diversen Stellen tauchen Hinweise auf die früheren Werke von Entwickler Lexis Numérique auf – die Adventureklassiker „In Memoriam I & II“. Das Szenario in „eXperience112“ entwickelt sich übrigens ähnlich düster, kommen doch noch Menschenversuche und eine dubiose Organisation unter Militärrecht ins Spiel. Mehr wollen wir an dieser Stelle aber noch nicht verraten.

Lost im Fensterdschungel?
Technisch hinterlässt „eXperience 112“ schon jetzt einen soliden Eindruck. Lea wird von Ranja Bonalana vertont, die man als Stimme von Kate Austen aus „Lost“ oder als Synchronsprecherin von Reese Witherspoon kennt. Die Grafikengine braucht sich hinter der Darstellung anderer Adventures nicht zu verstecken, wobei für eine ordentliche Performance bei mehreren geöffneten Kamerafenstern mit mehreren Lichtquellen voraussichtlich leistungsstarke Rechner benötigt werden. Außerdem bleibt abzuwarten, wie gut Leas Intelligenz letztendlich im Spiel tatsächlich ist und ob das trockene Interface nicht viele Spieler abschreckt. Wer sich allerdings schon jetzt für den innovativen Ansatz des Spiels und das spannende Szenario begeistern kann, muss nicht mehr lange warten. Ab dem 6. März könnt ihr das gestrandete Schiff entern und seine Geheimnisse ergründen.