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Schönste aller Welten

26.04.2004 | PC | Autor: Gleb

Ersteindruck:
85 - 95%
Selbst gespielt:
Nein

Als wir vor 2½ Jahren in London einen ersten Blick auf „World of Warcraft“ werfen durften, sprach Blizzard von einer Genrerevolution. Jetzt, wo der Release in Sichtweite rückt, scheinen die Jungs nicht über die Stränge geschlagen zu haben: Bei aller Bescheidenheit ist „World of Warcraft“ schon im Betatest das definitiv beste Massively-Multiplayer-Rollenspiel. Trotz Abgang aller wichtiger Führungskräfte, darunter Designerpapst Bill Roper, gelang Blizzard der gewohnte Mix aus intuitiver Bedienung und fesselnder Spielwelt. Wenn Ihr noch nie ein MMORPG angerührt habt, wird es Ende des Jahres höchste Eisenbahn.

Wo bitte geht’s zum Trolllager?
Der übliche Einstieg ist idiotensicher: Charakterklasse (Orcs, Tauren, Menschen, Zwerge, Nachtelfen, Trolle, Gnome oder Untote), Geschlecht und Aussehen editieren – schon startet das Spiel in der Hauptstadt der jeweiligen Rasse. Unser Menschenpaladin landet unweit der prachtvollen Metropole Stormwind. Pleite und schwächlich wie wir sind, nehmen wir erste Aufträge von markierten Nichtspielercharakteren an. Es gilt Wölfe und Trolle zu plätten, später den Kopf eines Verbrechers zu liefern – nichts besonderes. Unser Held, ein Mischling aus Kämpfer und Magier, verdient erste Erfahrungspunkte und erhält zur Belohnung Ausrüstung und etwas Geld. In der nahegelegenen Kathedrale bezahlen wir damit einen Trainer, der uns einen Heilzauberspruch beibringt. Fortan können wir uns - genug Mana vorrausgesetzt – selber regenerieren anstatt müheselig Äpfel und Heilkräuter zu futtern. Mittlerweile auf Level 3 aufgestiegen, erkunden wir eine Farm und erfüllen weitere Quests. In der Dorfkneipe kann geplaudert und gehandelt werden – zwei Hosen will da einer für 30 Münzen loswerden. Wucher! In Stormwind gibt es vergleichbares günstiger. Dort angekommen, verirren wir uns in den kleinen Gassen des Handelsdistrikts. Wenn man bedenkt, dass Hauptstädte wie diese vor allem als Warenumschlagplatz dienen, stockt einem bei der unglaublichen Größe der Atem. Waffen, Rüstung, Lebensmittel, Kleidung – in den unzähligen Geschäften ist alles eine Frage des Geldes. Vorbei am prächtigen Schloss und der Stadtwache kehren wir beim Taxiservice ein. Für 50 Münzen bringt uns ein Riesenvogel zur Gnomhochburg Ironforge. In Echtzeit überfliegen wir Wälder, Wüsten und Bergzüge – all diese Orte können wir später auch mit Reittier, Zeppelin oder per pedes erreichen. Hoch in den Gnombergen ruft Arbeit: Wir überbringen Post und säubern eine Goldmine. Noch reicht das Geld nicht für ein persönliches Haustier, beispielsweise einen dressierten Bären oder Löwen.

Nightswimming
Da wird das romantische Bad zur kalten Dusche. Unserem Orc hier will vermutlich niemand im Mondschein begegnen.

Auch bei den Händlern können wir meistens nur die Nase an das Schaufenster pressen: Die vielen tollen Ringe, Gürtel, Stiefel und Schilder sind entweder zu teuer oder entsprechen nicht unserem Level. Da es auch für die bloße Entdeckung neuer Orte Erfahrungspunkte gibt, kommen wir von der Straße ab. Ein Fehler, denn die hiesigen Wildschweine hatten noch nicht gefrühstückt. Kurze Zeit später erwachen wir auf dem nächsten Friedhof. Wer es eilig hat bezahlt die Wiedergeburt mit Erfahrungspunkten.

Ansonsten könnt ihr als Geist eure Leiche suchen und gratis auferstehen. Zurück unter den Lebenden schließen wir uns einer Gruppe Trolle an. Gemeinsam mit den erfahrenen Spielern wandern wir zurück ins Wildschwein-Gebiet. Diesmal lassen wir die Sau raus – kein Wildschwein wagt es mehr seine dicke Knolle gegen uns zu wenden. Hilfsbereit werden wir von den Kollegen geheilt, obendrein gibt es Tipps für den nächsten Auftrag. Die hat man bitter nötig, denn das jeweilige Questgebiet wird nicht auf der ausladenden Karte markiert – die Mine ist „irgendwo im Norden“ oder „südlich der Hauptstraße“. Zwar bestärkt die Kompassfuchtelei das Abenteurerfeeling, endet aber auch oft in elend langen Fußmärschen durch die Prärie. Spass macht es dann aber doch noch: Die riesige Welt bietet viele versteckte Dungeons, die mit einzigartigen Gegenständen und seltenen Gegnern locken.

Hoffentlich Allianz versichert
Neben dem Ausbau grundlegender Fertigkeiten wie Verteidigung, Stärke und Schnelligkeit können die sogenannten Skillpoints auch in Talente investiert werden. Der eine kann Brot backen, der andere näht Kleider, der dritte schmiedet Waffen. Diese und andere Handwerke benötigen wiederum Güter, die wir einkaufen oder selber produzieren. Trotz dieser komplex anmutenden Vorgänge ist „World of Warcraft“ simpel: Die meisten Symbole kennt man bereits aus „WarCraft III“, bei spezifischen Fragen gehen andere Spieler und Blizzards Supportmitarbeiter zur Hand.

Unendliche Weiten
Allein die Hauptstadt der Menschen, Stormwind, umspannt ein riesiges Areal. Hauptsächlich ist man hier auf Shoppingtour unterwegs.

Auch Charakterentwicklung und Kämpfe gestalten sich dank einer gut ausbalancierten Lernkurve sehr eingängig – „World of Warcraft“ ist der perfekte Einstieg in die zeitintensive Welt der Online-Rollenspiele. Und diese Welt hat es in sich: Zwei riesige Kontinente vereint das Spiel. Auf dem einen herrscht die friedlebige Allianz, auf der anderen die Horde aus Orcs, Tauren, Untoten und Trollen. Im Zuge dieses alten Konflikts verspricht Blizzard Kämpfe um strategisch wichtige Gebiete und gar ganze Kriege – rein theoretisch wäre es also denkbar, dass sich Tausende Orcs vereinigen und das Menschenland angreifen. Grafisch orientiert sich natürlich alles am Look von „WarCraft III“. Die wunderschöne, abwechslungsreiche Welt wirkt wie aus einem Gus, Ladezeiten gibt es keine. Hasen und Kühe kreuzen die Straße, am Horizont setzt ein Greifenreiter zur Landung an, im Fluss zucken Fischschwärme um die Ecke – kein Genrevertreter verstand es eine solch lebendige Fantasywelt auf den Schirm zu zaubern. Im Nachtelfen-Gebiet dominieren riesige Bäume und Wiesenlandschaften, während an der Orc-Küste dürre Felder und kleine Inseln das Bild bestimmen. Sogar eine Unterwasserwelt gibt es: Diverse Quests führen u.a. in versunkene Schiffe. Wahrlich ein Paradies für Kenner der Serie, denn viele Personen, Orte und Gegner kennt man bereits aus den Strategiespielen. Allein deswegen wird sich die monatliche Gebühr von ca. 10 Euro auszahlen. Zwar stockte das Spiel bei unserem Test gelegentlich, doch verspricht Publisher Vivendi schnelle Europa-Server und deutschsprachigen Support. Ungeachtet der vielen Features die Blizzard nachträglich einfügen will, sind wir zuversichtlich, dass „World of Warcraft“ das derzeit massiv überschwemmte Genre umkrempeln wird. Endlich erscheint ein Spiel, das Profis und Einsteiger gleichermaßen zufrieden stellen dürfte. Wir brennen darauf, in der Krawall-Gilde Azeroth & Co. unsicher machen zu können.