Windchaser
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- Publisher: dtp
- Entwickler: Chimera Entertainment
- Genre: Echtzeitstrategie
- Release: 09.05.2008
Ein Häuschen im Himmel
26.05.2008 |
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Autor: Martin Weber
Eigentlich ist der Sommer nicht gerade die Hoch-Zeit für Gamer. Konsolenspieler haben noch gut an „GTA IV“ zu knabbern und die Fußball-EM lässt ebenfalls nicht mehr lange auf sich warten. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für ein Game, den Markt zu erobern. Bei schönem Wetter versauert nun einmal niemand gern vor der Daddelkiste. Da muss schon etwas Besonderes daherkommen, um die Zocker von ihren sommerlichen Außenaktivitäten wegzulocken.
Der Hamburger Publisher dtp setzt dabei auf die Abschlussarbeit einiger Studenten der Designhochschule in München. Eines kann man dem Team von Chimera Entertainment vorab bescheinigen: Sie haben eine interessante Story für ihren Erstling geschrieben. Da muss das Gameplay natürlich mitziehen, sonst wäre das Endergebnis unstimmig. 600 Jahre nach dem großen Weltenbrand ist von der modernen Zivilisation nicht mehr viel übrig geblieben. Dann und wann findet man Ruinen vor, die die Zeit überdauert haben, deren Sinn und Zweck allerdings vollständig abhanden gekommen ist. Hier ist das Zuhause des jungen Helden Ioan, der seinen Weg durch diese Welt und den Anschluss an eine der zahlreichen Gilden sucht. Diese Gilden bilden das Fundament der postapokalyptischen Gesellschaft und prägen die Weltanschauungen der Bewohner. Manche Gilden richten sich durch und durch auf religiöse Bereiche aus, andere glauben an die Technik, die einst das Leben vor dem großen Knall bestimmt haben muss. Dann gibt es noch Gemeinschaften, die sich um eine Reformierung der religiösen Ansichten bemühen, welche sie für überholt erachten.
Es liegt was in der Luft
Ioan findet schnell Zugang zu einer Reformistengilde. Untereinander sind die Gilden erbitterte Gegner. Nicht selten kommt es zu Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen ihnen. Wohl dem, der sich in dieser Welt zu wehren weiß. In der Reformistengemeinschaft lernt er den Umgang mit der Windchaser kennen, einem Luftschiff, das durch die Gegend schippert und sich noch mitten in der Entwicklung befindet. Man ahnt es schon: Hier kommen die RPG-Elemente ins Spiel.
Die Himmelsgondel ist eine mobile Basis, die einen Hort für ganze Legionen an Soldaten bietet, sie an Bord mit Nahrung versorgt und zudem auch noch Forschungslabore sowie Zuchtstationen beherbergt. Hier lassen sich Kampfstile erlernen, neue Taktiken ausarbeiten und der Technologiebaum vervollständigen. Das ist auch nötig, denn allmählich drohen die Glaubenskriege der einzelnen Gilden das Heimatland Ensai sterben zu lassen. Angst vor Innovationen haben die Entwickler nicht gehabt. Deshalb findet man ein paar neue Ideen, die dem Genre ein wenig Frische einhauchen.
Nett gemixt
Die Mischung aus Echtzeit-Taktik- und Rollenspiel ist gelungen. Leider ist die Bedienung manchmal etwas kompliziert.
Zum Beispiel geht man in einem neuen Gebiet strategisch gegen die Feinde am Boden vor. Hat man den Bereich gesäubert, so erscheint eine blaue Markierung, in deren Grenzen sich das Luftschiff bewegen kann. So sichert man das eroberte Terrain mit der Windchaser ab. Aufwendiges Bauen neuer Festungen fällt somit schon einmal weg. Angenehm ist daran, dass die Bodentruppen keine ewig langen Laufwege in Kauf nehmen müssen. Nach und nach entlässt der Rumpf der mobilen Luftbasis seine Garnisonen und lässt sie immer neue Gebiete absichern. Unbekanntes Land erkennt man an der andersfarbigen Markierung, genauso die Umgebung des Feindes.
Man profitiert von den zahlreichen Feindkontakten auch noch zusätzlich. Indem man Erfahrungspunkte sammelt, erhält das Echtzeit-Strategie-Game einen Rollenspiel-Twist, der die eigene Charakterentwicklung umschließt. Die Windchaser wächst dabei zusehends zu einem monströsen Fortbewegungsmittel an. Auch bei dem Kampfsystem hat man eine praktikable Lösung gefunden. Drei verschiedene Taktiken stehen dem Helden zur Auswahl: Entweder kämpft man mit Chaos-, Konzentrations- oder Disziplinstil. Ein Stil unterliegt dann jeweils dem anderen, der wiederum dem dritten unterlegen ist.
Genug drin
„Windchaser“ erzählt eine durchaus interessante Story. Glücklicherweise ist die Spielzeit recht lang.
In der Praxis läuft es dabei auf „Stein-Schere-Papier“ hinaus, wobei man sich das Haupttalent des Gegners anschaut und dementsprechend den eigenen Stil auswählt. Meistens klickt man dann auf den Charakter, der am besten auf den dominierenden Skill trainiert ist, denn man reist immer in Grüppchen durch die Gebiete. Aber auch Truppenmoral, Ressourcenmanagement und Forschungsdurchbrüche wollen verwaltet werden. Sie alle stellen einzelne Faktoren zum erfolgreichen Abschluss der zahlreichen Missionen dar.
Keine Angst vor Neuerungen
Man muss zugeben, dass die Missionen zwar abwechslungsreich sind, jedoch einen steil ansteigenden Schwierigkeitsgrad besitzen. Neulinge werden wahrscheinlich schnell vor Frust resignieren. Sehr viel ist gerade am Anfang zu beachten, weshalb man alle Tipps aufmerksam verfolgen sollte. Selbst als geübter Zocker wird man Momente erleben, wo man an seinen Fähigkeiten zu zweifeln beginnt. Ist man erst einmal über diesen Punkt hinaus, bringt man die Story Stück für Stück dem Ende entgegen. Dann aber wird man schon so sehr von den Geschehnissen vereinnahmt sein, dass man unbedingt wissen will, wie es denn nun weiter geht.
Während sich die Windchaser stetig in der Technik weiter entwickelt, kann man nicht unbedingt von einem Quantensprung in der Spielmechanik sprechen. Die Kamera ruckelt teilweise ziemlich vor sich hin und gewährt nicht immer den Einblick, den man sich wünschen würde. Dadurch gestaltet sich die Verfolgung der Spielfiguren manchmal etwas mühselig. Die Grafikdesigner sind mit sehr viel Sachverstand an die Levelgestaltung herangegangen. Bei der optischen Ausstaffierung stießen aber offenbar recht schnell an ihre Grenzen. Licht und Schatten sind eher diffus, weshalb die grafische Umsetzung einen eher mittelmäßigen Eindruck hinterlässt. Echtzeitstrategie-Titel legen meistens nicht viel Wert auf knallige Effekte und Bombast-Design. Dem Soundmann gelangen wenigstens gute Umgebungssounds und eine passable Umsetzung der Maschinengeräusche. Die Dialoge sind liebevoll eingesprochen, auch wenn man ab und an glaubt, die Unerfahrenheit mancher Sprecher herauszuhören. Diese Unsicherheit blitzt aber eher selten durch, und man ist eher dankbar für die klare, deutliche Aussprache der Figuren.
Etwas zu viel verlangt wäre wohl auch die Einbindung eines Mehrspielermodus gewesen. Dabei hätte man durch die Gilden ein paar echt heiße PvP-Kämpfe auf Servern konstruieren können. Dazu wären aber wohl ein wenig mehr Entwicklungszeit und die dazugehörigen Mittel nötig gewesen – und angesichts des relativ moderaten Kaufpreises stimmt das Leistungsverhältnis ja auch, wenn man die 25 Stielstunden bedenkt, in denen man alles in Ensai erforschen kann. So gesehen können Fußball-Muffel sich vielleicht doch hinter ihrem Rechner verstecken und somit dem EM-Wahnsinn einfach durch ein neues Abenteuer in der virtuellen Welt entfliehen.



