Die Konsole: Ein Dinosaurier
Es wird besser, ohne sie
30.01.2013 | Autor: Redaktion
Meine Damen und Herren, ich besitze keine Konsole. Dabei hatte ich sie früher alle: NES, SNES, PlayStation 1 & 2. Jetzt sitze ich vor meinem PC, denke an Konsolen und zucke mit den Schultern. Mehr noch, ich verstehe nicht, warum es diese nächste Generation überhaupt noch geben muss, wo doch schon jetzt klar ist: Die Idee hinter den Geräten hat sich überholt.
Früher war das ja noch anders
Historisch betrachtet waren Konsolen irgendwann ja mal eine gute Idee. Die ersten Spiele wurden bekanntlich von cleveren Studenten auf irgendwelchen Großrechnern entwickelt. Hardware, die sich damals die meisten Firmen nicht leisten konnten, geschweige denn der gemeine Mann auf der Straße. Findige Menschen wie Atari-Gründer Nolan Bushnell kamen daher auf eine tolle Idee: Wie wäre es, eine bedeutend schwächere Hardware zu bauen, die auf Spiele spezialisiert ist? Dadurch wurde zunächst der Spielautomat erfunden, der zumindest für Gaststätten und Spielhallen bezahlbar war. Im nächsten Schritt dann die Konsole, die man sich ins Wohnzimmer stellen konnte. Spezialisierte Technik war also notwendig, damit sie überhaupt preislich für Normalsterbliche in Frage kam. Eine Zeit, die wir lange hinter uns gelassen haben. Allrounder wie ein Tablet-PC sind heute in der Lage, eine Grafik darzustellen, die insbesondere auf ihren kleineren Bildschirmen denen einer Konsole in nichts nachsteht. Sogar iPods und Smartphones bringen eine derart beachtliche Leistung mit sich, dass man schon über echte High-End-Konsolenspiele reden muss, um einen klaren Unterschied festzustellen. Kurz: Diese Vorzüge sind heute nicht mehr gültig.
Der Filter
Als Nintendo Mitte der 1980er sein NES auf den Markt brachte, führte der Konzern eine entscheidende Neuerung ein: das Nintendo-Qualitätssiegel. Wer das NES kennt, erinnert sich noch an das kleine sternenförmige Logo auf den Spieleverpackungen. Das sah vielleicht aus wie ein Marketing-Gag, war aber tatsächlich ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Konsole. Denn die vorige Konsolengeneration war im großen Videospiele-Crash Anfang der 1980er elendig zugrundegegangen.
Die Magnavox Odyssey, die erste kommerzielle Spielkonsole der Welt. Ihre Module besaßen keinen Programmcode, sondern verdrahteten nur die Technik intern neu.
Einer der Hauptgründe dafür: Dritthersteller begannen massenweise billigen Spieleramsch auf den Markt zu werfen und überfluteten die Läden dermaßen mit ihrem Schund, dass die wenigen guten Titel keiner mehr fand. Konsolen bekamen einen schlechten Ruf, dann kam noch ein bisschen größenwahnsinnige Geldverschwendung beim Marktführer Atari hinzu, und „puff“: war der gesamte Konsolenmarkt tot. Komplett.
Nach dieser enormen Pleite hatten viele Händler die Spielkonsolen als kurzen Hype abgeschrieben. Für Nintendo war es daher extrem schwer, irgendwen zu überzeugen, den Vertrieb seiner Konsole zu übernehmen. Tatsächlich bot Nintendo seinem Rivalen Atari an, die Konsole in den USA auf den Markt zu bringen, und sogar der ehemalige Marktführer konnte sich (auch wegen anderer Querelen) nicht mit den Japanern einigen. Rückblickend entspricht das in etwa der Entscheidung, die Beatles nicht unter Vertrag zu nehmen. Aber damals schien das Konsolengeschäft am Ende. Schließlich nahm Nintendo die Sache selbst in die Hand.
Einer der brillanten Tricks, die Nintendo ersann, war das Qualitätsprogramm der Konsole. Wer NES-Spiele veröffentlichen wollte, musste sich von Nintendo zuvor lizenzieren lassen.
Und für alle, die noch nie ein NES-Spiel gesehen haben: Hier die Rückseite von 'Dr. Mario', samt Qualitätssiegel.
Damit sich um diesen Anspruch keiner herummogeln konnte, wurde die Konsole mit einem eigens patentierten Format von Spielmodulen befüttert, die nur in Nintendo-Anlagen produziert werden durften. Ein in die Konsole eingebautes Kopierschutzsystem sorgte dafür, dass Kopien von Drittherstellern nicht abspielbar waren. Ergebnis: Nintendo konnte Importe durch eine Regionalsperre unterdrücken, kassierte bei jedem einzelnen, für das NES produzierten Spiel mit und stellte sicher, dass seine Konsole nicht unter einem Berg von Dreckssoftware begraben wurde. Dieses brillante System wird bis heute von allen Konsolenherstellern fortgesetzt – weil es ihnen schön die Taschen füllt. Aber auch für den Kunden ist es zugegebenermaßen noch immer von Wert – wenn auch lange nicht mehr so sehr wie früher.
Heutige Spieleproduktionen sind so teuer, dass eine Schwemme an mieser Software wie zu Atari-Zeiten fast ausgeschlossen ist. Selbst wenn: Ein Blick auf die Screenshots und man weiß Bescheid. Das Internet stellt zudem Informationen über einen Titel in Form von Testberichten und Nutzerkommentaren auf Knopfdruck bereit. Jemanden mit einer hübschen Packung zu verarschen, ist erheblich schwieriger geworden. Zudem sind wir an anderer Stelle ja längst wieder in der grauen Vorzeit angekommen. Apples Appstore beweist jeden Tag, dass ein (fast) völlig offenes System tatsächlich dazu führt, dass man sich die Perlen aus einem Wust von miserabelstem Mist herauspicken muss. Es zeigt aber auch, dass solch ein Markt in modernen Zeiten florieren kann. Dank integriertem Bewertungssystem, Online-Magazinen und Empfehlungen von Freunden auf Facebook und Konsorten dürften trotzdem nur wenige Superspiele unbeachtet im Nirwana verschwinden. Steam beweist zudem, dass ein gesunder Mittelweg durchaus möglich ist. Dennoch: Die Vorauswahl von Microsoft, Sony und Nintendo führt dazu, dass die Anzahl der Totalgurken in den Reihen ihrer Spiele deutlich niedriger ausfällt. Umgekehrt sortieren sie aber auch viele Indie-Spiele aus, die zumindest für ihre Zielgruppe echte Spaßbringer wären.



