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Siebzehn Jahr, blondes Haar

27.03.2008 | PC | Autor: Hauke

Jugendliche haben es bekanntlich immer schwer. Sunny Blonde, ihres Zeichens 17- jährige Amerikanerin, sieht sich vor der härtesten Prüfung ihres Lebens, als sie erfährt, dass sie mit ihren Eltern auf eine Kreuzfahrt gehen soll. Anlass der Tortur für die Blondine ist die silberne Hochzeit der Erziehungsberechtigten und ein Entkommen somit nicht in Sicht. Ungerecht, wie die Welt ist, darf Sunny nicht einmal ihre besten Freundinnen einladen, sondern muss auf dem Schiff alleine um ihr Überleben kämpfen. Dieser Umstand wird durch die Tatsache, dass sich außer ihr nur noch ein pickliger Junge in ihrem Alter an Bord befindet, nicht gerade erleichtert. Im Intro werden wir Zeuge, wie sich Sunny der plumpen Anmache erwehrt. Doch leider kommt es zu einem schrecklichen Unfall. Sunny strauchelt und fällt mitten im Bermudadreieck über die Reling. So beginnt das neueste Adventure von Genre-Ikone Steve Ince, der sich mit „Baphomets Fluch“ einen Namen machte.

Ein wandelnder Blondinenwitz?
Als Computerspieler kennt man das: Man wacht auf und befindet sich unerwarteterweise am weißen Sandstrand einer Karibikinsel. Als „Monkey Island“-Jünger weiß man in solch einer Situation natürlich genau, was zu tun ist. Wir stellen uns mit der lokalen Piratenclique gut, brauen Malzbier und hoffen, dass wir keine Probleme mit Geisterpiraten oder der Ehefrau und Gouverneurin bekommen. Leider scheint Sunny Blonde unseren Wissensstand nicht zu teilen, macht sie sich doch erst einmal Sorgen um ihr Erscheinungsbild. Worum auch sonst, denn mit verschmierter Schminke ist es ja nahezu unmöglich, eine unbekannte Insel zu erkunden. Spätestens die Erkenntnis, dass der schöne Strand ein nahes Urlaubsresort bedinge, macht dem Spieler klar, dass Sunny zumindest zu Spielbeginn ein kleines Naivchen ist, neben dem Kelly Bundy wie Albert Einstein wirkt. Das zeigt uns die erste Hürde auf, die wir in „So Blonde“ zu bewältigen haben. Zwar sind die meisten Rätsel logisch aufgebaut, allerdings müssen wir uns in die Psyche einer jugendlichen Blondine hineinversetzen, was nicht immer einfach ist. Noch während wir an dem Make-Up-Problem im ersten Rätsel feilen, lernen wir unseren Spielgefährten kennen.

Wo steckt Sam?
Der Co-Star des Spieles heißt Max und hat sich in seinem Leben sicherlich noch nie um seinen Teint gekümmert, geschweige denn einen Rasierer benutzt. Kein Wunder, denn schließlich handelt es sich bei dem kleinen Gesellen um ein lebhaftes Fellknäuel. Ein Plüschtier namens Max in einem Adventure? Richtig gehört, dieses wieselartige Wesen ist jedoch bei Weitem nicht so rüpelhaft wie LucasArts' Pendant. Sprechen kann das kleine Wesen auch nicht, ansonsten könnte es sicherlich aufklären, warum das erste menschliche Wesen, das wir treffen, uns für durchgeknallt hält. Dabei spricht Sunny lediglich über so banale Dinge wie den fehlenden Handyempfang und den Weg zum nächsten Hotel. Selbst als nur einen Bildschirm weiter riesige Holzschiffe und bärbeißige Piraten auftauchen, riecht Sunny die Lunte nicht und vermutet nach wie vor einen Vergnügungspark hinter all dem. Dem mündigen Spieler hingegen ist zu diesem Zeitpunkt die Verbindung zwischen Bermudadreieck und dem offensichtlichen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum klar geworden. Willkommen bei den Piraten der Karibik!

Eigentlich wollten wir Sunny nur mit ein paar Pina Colada abfüllen und dann ab in den Bungalow. Aber nein, sie musste ja Rätsel lösen...

Und 'ne Buddel voll Rum!
In der ersten halben Stunde lernt Sunny einen Großteil der wichtigen Charaktere kennen und kann von Glück sagen, dass die Freibeuter weniger brutal sind, als es im ersten Augenblick den Anschein haben mag. Ansonsten wäre das Abenteuer auch schnell vorbei, denn die rassige brünette Kapitänin Morgane hat ein Auge auf Bürgermeister Juan geworfen, der seinerseits die kleine Sunny niedlich findet. Noch bevor dieser pikante Krisenherd sich abzeichnet, fordert Morgane Sunny zum Duell heraus. Zum Glück wird dieses nicht mit dem Degen ausgefochten, sondern in Form eines Witzwettbewerbes entschieden.

Sonnenklar, dass hier kein Blondinenwitz ausgelassen wird. Die Klasse von Guybrush „Du kämpfst wie eine Kuh“ Threepwood wird dabei jedoch nicht erreicht. Wie seinerzeit den Piratenanwärter in „Monkey Island“ steuern wir Sunny ebenfalls in klassischer Point&Click-Manier. Das Interface ist dabei so simpel wie überzeugend. Ein Linksklick lässt Sunny über die Insel laufen, der Rechtsklick zeigt Interaktionsmöglichkeiten mit Gegenständen oder Personen an, und bewegen wir den Cursor an den unteren Bildschirmrand, taucht das Inventar auf.

Die detaillierten Hintergründe und die Comic-Optik tun dem Spiel sehr gut. Auch die Spielumgebungen sind gut gewählt.

Hier sammelt sich im Laufe des Spieles eine Menge mehr oder minder nützliches Zeug an, das wir aufs Geratewohl miteinander kombinieren können. Im Spielverlauf verlassen wir immer wieder einmal Sunnys zarte Haut und schlüpfen in die von Max oder Juan, wobei die Steuerung sich nicht ändert. Allerdings können Juan und Max Gegenden erreichen, die für Sunny zumindest zeitweilig nicht betretbar sind.

Details im Piratenland
Neben den Charakterwechseln lockern einige Minigames den Spielfluss etwas auf. Diese orientieren sich an den Telespielen der 80er-Jahre und sollten selbst für Gelegenheitsspieler leicht zu meistern sein. Wer partout keine Lust auf ein wenig Action hat, kann die Spiele ohne ernsthafte Strafen auch per Knopfdruck gewinnen. Bis hierhin könnte „So Blonde“ das perfekte Adventure sein. Die Geschichte steckt voller Potential, und die Grafik mit ihrer Mischung aus zweidimensionalen Hintergründen und dreidimensionalen Charakteren ist mehr als detailverliebt. An jeder Ecke gibt es witzige Kleinigkeiten zu beobachten. So kommt auf dem Marktplatz alle paar Sekunden ein kleines Häschen aus einem Fass, und im Hafen zieht ein Hai seine Runden. Trotz der Fülle an kleinen Ausschmückungen wirkt die Grafik selten überladen. Leider sind viele der Verzierungen auch gleichzeitig Hotspots ohne naheliegende Funktion, die von dem eigentlichen Spielverlauf ablenken. Dabei sammelt sich im Verlauf des Spieles so viel Krempel im Inventar an, dass ein Durchprobieren der Kombinationsmöglichkeiten automatisch im Frust endet. Im Nachhinein ergeben die meisten Rätsel zwar einen Sinn, häufig muss man aber um mindestens eine Ecke herum denken, um auf die zündende Idee zu kommen. Das Rätseldesign ist höllisch schwer und macht mit Sicherheit den Löwenanteil der Gesamtspielzeit von gut 20 Stunden aus. Leider schaffen Story und Charaktere es nicht, während der gesamten Spieldauer zu fesseln. Was bei der Grafik an Details hätte eingespart werden können, wäre den Figuren gut bekommen. Die gesamte Story mit ihren Protagonisten wirkt flach; viele Gags verpuffen im Nichts anstatt humoristische Salven abzufeuern.

Wie alt bist du denn, meine Kleine?
Wenn Sätze wie „Wer hätte gedacht, dass man meine Kosmetikprodukte auch als Gleitmittel verwenden kann?“ aus dem Munde einer virtuellen Jugendlichen kommen, fragt man sich, ob Sunny aus moralischer Sicht nicht lieber ein Jahr älter sein sollte. Dasselbe kommt auch während der spärlich animierten Zwischensequenzen und der Ladebildschirme zum Tragen, wo Sunny sich meistens im aufreizenden Bikini räkelt. Doch bevor wir als prüde verschrien werden, konzentrieren wir uns auf den letzten Kritikpunkt: die Sprachausgabe. In unserer Preview haben wir die Synchronisation mit den zahlreichen professionellen Film- und Hörspielsprechern als großen Pluspunkt herausgehoben. Zu diesem Zeitpunkt wurde Sunny noch von einer wohlklingenden Platzhalterin gesprochen, mit deren Stimme man bei Adventure-Publisher Anaconda jedoch nicht zufrieden war. In der finalen Version wird unsere Blondine von Gabrielle Pietermann vertont, die den meisten als Synchronstimme von Hemione Granger in den Harry-Potter-Filmen bekannt sein dürfte. Leider hat der Papagei in der Piratenspelunke Recht, wenn er Sunny an den Kopf wirft, dass ihre Stimme so schrill wie ein Nagel auf einer Schreibtafel klingen würde. Ohne Zweifel ist auch Sunny gut vertont, die lange Suche nach einer Sprecherin führte jedoch zu einer Stimme, die zart besaiteten Gemütern den letzten Nerv rauben kann.

Zum Fazit