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  • Overclocked

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Leicht überzogen

15.10.2007 | PC | Autor: André

In unserem Portrait Martin Ganteföhrs haben wir sein neues Adventure „Overclocked“ bereits mit einigen Vorschusslorbeeren bedacht. Zu Recht, wie auch das fertige Spiel beweist: In dem klassischen „Point & Click“-Adventure schlüpft ihr in die Rolle des ehemaligen Armee-Psychiaters David McNamara, der in einem ewig verregneten New York zu einem mysteriösen Fall herangezogen wird. Fünf junge Menschen unterschiedlichster Herkunft wurden binnen weniger Stunden im gleichen, völlig verstörten Zustand angetroffen. Seitdem spricht keiner von ihnen ein Wort, die Behörden sind ratlos, was mit ihnen geschehen ist. Schon die sehr gut inszenierte Video-Einleitung zeigt uns, dass wir es hier nicht mit einem 08/15-Adventure von der Stange zu tun haben. Darin irrt eines der Opfer, Victoria, nur mit einem Slip bekleidet und einer Pistole in der Hand durch den New Yorker Regen, ignoriert von den Menschen ringsum, bis sie schließlich laut schreiend in die Luft feuert. Die Themen Isolation und Verzweiflung stehen bei „Overclocked“ von Anfang an im Mittelpunkt.

Schlaflos in New York
Das gilt nicht nur für die fünf neuen Patienten von McNamara, sondern insbesondere auch für die Hauptfigur selbst. Mit leeren Taschen in New York angekommen, gibt es für den Psychiater über weite Teile des Spiels neben seiner Arbeit in der Psychiatrischen Klinik auf Staten Island nur das Hotel und die nahegelegene „Nighthawk“-Bar. Seine Frau empfängt ihn bereits kurz nach seiner Ankunft mit der Absicht zur Scheidung auf dem Anrufbeantworter. Selbst sein bester Freund Terry ist kurz angebunden und keine echte Hilfe.

Bei seiner Ankunft in der Klinik wird McNamara vom leitenden Arzt Dr. Young, gar mit offener Feindseligkeit und Hochnäsigkeit begrüßt. Nicht besser dessen Assistentin Tamara Farebanks, die mit Sprüchen wie „Ich gehöre nicht zu den Menschen, die glauben, dass man Spaß an dem haben muss, was man tut“ die typische Law&Order-Tusnelda im weißen Kittel gibt.

Story ist Trumpf
Auch „Overclocked“ erzählt wieder eine spannende, fesselnde Geschichte - Leider die einzige große Stärke des Spiels.

Immerhin: Der arrogante Polizist Morretti ist zwar im Grunde genommen eher auf der Seite von David, auch wenn er ihm misstraut. So richtig warm wird man aber weder als Spieler noch als Spielfigur mit dem arroganten Kerl. Den einzigen Zuspruch bekommt der Spieler als McNamara von Mr. Flint, dem gutmütigen Rezeptionisten seines Hotels, und dem Barkeeper ums Eck. Besonders Flint ist dabei hervorragend gesprochen, wie auch fast alle anderen Figuren mit ihren jeweiligen Stimmen sehr gut in Szene gesetzt wurden.

Allein die weiblichen Parts im Spiel können durch die Bank nicht überzeugen, wobei immerhin die wichtige Rolle von McNamaras Frau Kim noch am besten abschneidet. Beim Hauptcharakter, der naturgemäß den Löwenanteil der Sprechzeit einnimmt, ist es wie so oft eine zweischneidige Angelegenheit. So mancher Satz ist auch in „Overclocked“ wieder falsch betont und zeigt deutlich, dass bei den Soundaufnahmen niemand vor Ort war, der wusste, in welchem Kontext der jeweilige Satz gesprochen wird.

Stillstand
Das Spiel sieht kaum besser als das drei Jahre alte „Moment of Silence“. Insgesamt geht die Optik aber noch in Ordnung.

Auch erinnert sich das Spiel hier und da nicht an vorhergehende Gespräche und Ereignisse. Noch kurz vor Ende nimmt sich David vor, das Hotel über den zerbrochenen Spiegel in seinem Zimmer zu informieren – dabei haben wir das schon vor Tagen erledigt.

In dieser wenig freundlichen Umgebung schreitet man nun ans Werk, um den Geschehnissen der letzten Tage vor dem Auftauchen der jugendlichen Opfer auf den Grund zu gehen. Dazu konfrontiert der Spieler das jeweilige Opfer immer wieder mit Sprachaufzeichnungen der anderen vier oder mit anderen erinnerungsanregenden Informationen und Gegenständen. Trifft man dabei den richtigen Nerv, springt der Spieler in einer Flashback-Sequenz direkt in die Erinnerung des Patienten und durchlebt kurze Schlüsselszenen, die nach und nach die Ursache für den desolaten Zustand der Fünf aufdecken. Da McNamara mit den zeitlich jüngsten Erinnerungen beginnt und sich dann in den Köpfen der Opfer immer weiter in der Zeit zurück gräbt, wird die Handlung wie im Film-Hit „Memento“ rückwärts erzählt. Die Hintergrundgeschichte stützt diese Erzählweise perfekt, so dass sie nie abgekupfert oder aufgesetzt wirkt. Indem jede Erinnerung neue Fragen aufwirft und auch so manchen Charakter in einem anderen Licht dastehen lässt, will man immer wissen, wie es weiter geht – selbst in weniger aufregenden Passagen. In seinem gekonnten Umgang mit der komplexen Erzählstruktur und einigen dramatisch wie psychologisch wirklich hervorragend inszenierten Passagen zeigt auch Martin Ganteföhr wieder sein großes Talent als Autor. Ein bis auf die etwas banale Auflösung so erwachsenes und intelligentes Adventure hat es praktisch noch nicht gegeben, und trotz einiger Schwächen sind es sich echte Adventure-Fans schuldig, „Overclocked“ zu spielen, nur um Story und Machart zu genießen. Dabei müssen sie allerdings, wie von House of Tales bisher leider gewohnt, wieder einige Stolpersteine in Kauf nehmen. So gut die Geschichte auch ist, hat man doch das Gefühl, dass sich der Entwickler am Ende ein klein wenig daran verhoben hat. So manche wichtige Frage bleibt da unbeantwortet, und die Auflösung ist, wie schon angemerkt, etwas zu gewöhnlich für ein derart ungewöhnliches Spiel. Manch einem Spieler werden bei der dort aufgeworfenen Thematik sogar die Haare zu Berge stehen.

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