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Der wird jetzt ganz flach

01.10.2008 | PC | Autor: Hauke

Wenn ihr bis hier gelesen habt, steht ihr entweder auf Insidertipps oder auf splitternackte Tatsachen. Dabei kann man bei unserem Teaser nicht einmal von einem Lockangebot sprechen, denn in „Multiwinia: Survival of the Flattest“ gibt es tatsächlich viel Nacktes zu betrachten. Doch spannen wir euch zuerst noch ein wenig auf die Folter und beginnen mit der Vorgeschichte zu “Multiwinia”. Der Titel kommt aus der unabhängigen Spieleschmiede Introversion Software. Die Engländer bezeichnen sich selbst als die letzten Schlafzimmerentwickler der Welt und müssen daher mit Spielwitz und dem Internet als wichtigstem Vermarktungsmedium überzeugen. Titel wie „Uplink“, „Defcon“ und „Darwinia“ haben allesamt Aufsehen in der Spielepresse erregt, und letztgenanntes Spiel stellt die Grundlage für „Multiwinia“ dar.


Gespielter Minimalismus
Doch bevor wir auf die Einzelheiten eingehen, wollen wir euch die Hintergrundgeschichte nicht vorenthalten. Vor langer Zeit erschuf der Computerwissenschaftler Dr. Sepulveda eine wunderschöne digitale Welt, die in einem eigens kreierten Netzwerk existierte. Diese Welt hieß Darwinia und wurde von den rechtschaffenen Darwinianern bewohnt. Doch im Laufe der Zeit entstanden Fraktionen und Streitigkeiten, die Darwinianer entwickelten sich auseinander und wurden schließlich als Mutiwinianer bekannt.
In unseren Augen liest sich dieses Szenario ein wenig wie eine Mischung aus der Bibel und Dieter Bohlens Memoiren. Anders gesagt: Man zog eine Hintergrundgeschichte an den Haaren herbei und fiel hinterher ungeniert über die wehrlose Idee her. Kein Wunder also, dass man diese Details nur im Internet findet.
Das Spiel ist dabei in etwa das „Tetris“ unter den Strategiespielen. Schlicht, simpel und fesselnd kommt die Mehrspielerversion von „Darwinia“ daher. Das Grundprinzip ist schnell erklärt: An so genannten Brutpunkten werden Multiwinianer gezüchtet. Dies geschieht automatisch, sobald wir entsprechende Niststätten kontrollieren. Mit einem Linksklick wählen wir unsere Untertanen aus. Mit Rechts erteilen wir kontextsensitive Befehle, ernennen Offiziere, um unkompliziert größere Gruppen zu automatisieren. Kisten mit Bonusinhalten sorgen für zusätzliche Action auf dem Spielfeld.


Leicht zu verstehen, schwer zu beherrschen
Aufbauend auf diesem Grundkonzept gibt es im Spiel verschiedene Aufgaben zu erledigen. Die einfachste Variante ist es, den Gegner einfach aus der virtuellen Welt zu putzen, komplizierter wird es, sobald Punkte ins Spiel kommen. Diese gibt es nicht für simples Gemetzel, sondern der Spieler muss im Wettbewerb mit der künstlichen Intelligenz oder menschlichen Mitspielern Aufgaben erfüllen.

Gesellschaftsspiel
Wer hätte das gedacht, bei dem Titel: Multiwinia spielt man am besten gegen menschliche Gegner. Dann ist es ein schicker Strategietitel der anderen Art.

Um „Hügelkönig“ zu werden, wie die etwas hölzerne Übersetzung des altbekannten „King of the Hill“-Modus in der deutschen Version heißt, müssen Zonen eingenommen und möglichst lange gehalten werden. „Schnapp dir die Statue“ ist eine „Capture the Flag“-Variante, in der die Multiwinianer gemeinsam riesige Statuen hochwuchten und in eigenes Territorium schleppen müssen. Drei weitere Modi sind noch actionreicher.

Im „Sturmangriff“ muss eine Partei die Stellung des Gegners einnehmen, die mit Geschütztürmen und Mauern verbarrikadiert ist und eine Massenvernichtungswaffe beschützt. Scheitert die Eroberung im festgelegten Zeitrahmen, explodiert die Bombe und stürzt alle Spieler ins Verderben. Bei der „Raketenrevolte“ gilt es, Solarpaneele einzunehmen und eine Rakete aufzutanken. Wer seine Multiwinianer zuerst gen Himmel schickt, geht als Sieger aus der Schlacht hervor. Zu guter Letzt gibt es den „Blitzkrieg“.

Einfach gut
Die Grafik von Multiwinia ist reichlich mickrig, hat aber durchaus einen eigenen Charme. Das Spiel dahinter stimmt jedoch.

Hier überrennt entgegen aller Vermutungen nicht die deutsche Armee Polen, sondern die Multiwinianer balgen sich um Flaggenpunkte.


Besondere Kleinigkeiten
Das anscheinend simple Konzept wird in zwei kurzen Tutorials erklärt. Während die erste Übungslektion die nötigen Grundlagen vermittelt, bekommt der Spieler in der zweiten Mission taktische Kniffe und Besonderheiten des Spielkonzeptes beigebracht. So kann man als Kommandant seine Multiwinianer mit zwei Satellitenschüsseln von Insel zu Insel schicken. Alternativ transportieren Schwebepanzer unsere kleinen Figuren über unwegsames Gelände. Verstärkungen wie die Truppentransporter bekommt der Spieler in der Regel, indem Kisten erobert werden. Auch Kanonentürme, die sich übrigens auch vom Spieler direkt bedienen lassen, Monsterbrutstätten und Luftangriffe kann man auf diese Weise einsetzen. Die Gemeinheit daran: In der Regel erhält der Unterlegene mehr Unterstützungslieferungen auf sein Terrain als der beherrschende Spieler. Was im Spiel gegen den Computer teilweise frustrierend ist, sorgt im Match gegen menschliche Mitspieler für unterhaltsame Augenblicke mit derben Flüchen. Da die Spiele auf eine Dauer von fünf bis zehn Minuten ausgelegt sind, spricht nichts gegen kurze Duelle zwischendurch, und es ist erfrischend, ein Strategiespiel anfangen zu können, ohne gleich eine oder mehrere Stunden investieren zu müssen. Neben der Zugänglichkeit von „Tetris“ wird praktisch die Kurzweil von „Worms“ geboten.


Sprites und Shader
Im Gegenzug bedeutet das aber auch, dass die Langzeitmotivation fehlt. Sämtliche Inhalte sind von der ersten Minute an zugänglich, und eine fortlaufende Geschichte gibt es nicht. Stattdessen kann man sich im Ruhm sonnen, wenn man seine Gegner, seien es nun Menschen oder der Computer in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, auf einer der 49 Karten geschlagen hat. Technisch sticht „Multiwinia“ durch den konsequenten Minimalismus aus der Masse hervor. Statt sich in den Wettstreit um DirectX10, Wasserreflexionen und Gesichtsanimationen zu stürzen, gibt es grob polygonierte Landschaften, Strichmännchen und Piepstöne. Texturen? Fehlanzeige! Stattdessen sieht man schattierte Farbflächen und nackte zweidimensionale Sprites auf ebenso nackten dreidimensionalen Karten. Das mag erschreckend klingen, entwickelt aber dennoch einen fesselnden Retro-Charme. Trotz der minimalistischen Darstellung sind die Hardwareanforderungen erstaunlich hoch; Arbeitsnotebooks mit Onboard-Grafikkarte könnten schon ins Schwitzen kommen. Auf zeitgemäßen Rechnern dürfte das Strategiehäppchen aber trotzdem ohne faden Beigeschmack munden. Die ursprüngliche Verkaufsversion steckte übrigens noch voller Übersetzungsfehler, die seit dem ersten Patch allerdings der Vergangenheit angehören.

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