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Kein Wunder

06.12.2004 | PC | Autor: Gleb

Torschlusspanik bei den Nationalsozialisten: Die Alliierten stehen vor der Tür, das mit dem Lebensraum Osten wird wohl nichts. Im letzten Moment will Hitler mit bahnbrechenden Wunderwaffen das Blatt wenden. Sven Mortyr, ein britischer Elitesoldat mit norwegischen Wurzeln, soll dagegenhalten. Um etwas Herzschmerz ins Spiel zu bringen, wird Svens Vater von den Nazis entführt und zur Mitarbeit an einem der Geheimprojekte gezwungen. Und so beginnt die Odyssee durch das Europa 1944 im verschneiten Norwegen, wo unser Held einen entführten Kontaktmann finden muss. Mit dem 1999 veröffentlichten „Mortyr“ hat der Nachfolger nur den Namen gemein. Damals hatte Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Durch wirre Zeitreisen galt es, die Geschichte wieder geradezubiegen. Portraits des Diktators, eindeutige Parolen und Hakenkreuze führten den Billig-Shooter geradewegs auf den Index.

Freundschaft!
In den polnischen Schützengräben fallen die Deutschen wie die Fliegen. Zwischendurch erledigen wir kleine Aufgaben für die Sowjets.

Jetzt will der polnische Entwickler Mirage den „phänomenalen Erfolg“ (Verpackungstext) seines Erstlingswerks toppen. Allzu groß wird der nicht gewesen sein, denn „Mortyr II“ startet und endet im unteren Mittelmaß: Wir schießen uns durch Schützengräben in Polen, suchen einen gefangenen Wissenschaftler und markieren Geschütze für sowjetische Bomber - bekannte Kost, die keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken vermag. Wie in „Medal of Honor“ übernehmen wir auch mal das Bordgewehr eines computergesteuerten Jeeps. Allerdings tuckert der so langsam, als sei das Nazi-Truppenlager eine Spielstraße, die man nur im ersten Gang befahren darf. Die Lichtblicke zwischen dieser Einöde kann man an einer Hand abzählen: Spannend ist eine Mission in Polen, wo wir ein Gebäude vor anrückenden Panzern schützen müssen.

Zuerst wehrt sich Sven mit einem stationären Geschütz, dann mit einem Raketenwerfer. Zwischendurch stürmen Fußtruppen aus allen Himmelsrichtungen auf das Gebäude zu, Scharfschützen postieren sich auf Aussichtstürmen. Ähnlich unterhaltsam, wenn auch fummelig ist der Flug in einem FL 282 Kolibri-Helikopter von Anton Flettner. Das war’s dann aber auch auf der Haben-Seite: Langweilige Gefechte auf freiem Feld bestimmten fortan das Bild.

Alles Gute kommt von oben
Im FL 282-Helikopter gilt es mehrere Stellungen aufzuheben.

Die K.I. der NS-Pappkameraden ist dabei von wechselhafter Qualität. Mal laufen die Recken geschickt hin und her, mal werfen sie sich gegenseitig scharfe Granaten zu.

O’ Tannenbaum, o’ Tannenbaum...
Die Grafik im Norwegen-Level ist ein Graus vergangener Tage: Überall weiß, ein paar Tannen und blaue Fußstapfen im Schnee - sich da die Zehen abzufrieren wäre noch das Schönste. Später wird es besser, es gibt Blumenwiesen und Wälder. Allerdings pflegt die Engine die Eigenart, Bodentexturen wie einen Teppich nach und nach aufzurollen. Auch patzt Mirage mit schlechten Figurenanimationen und deplatzierten Effekten. So sieht man an einer Bunkeröffnung durchgehend Mündungsfeuer, obwohl dahinter weder ein Geschütz noch ein Schütze steht. Bei Explosionen werden Feuertexturen im wahrsten Sinne draufgeklatscht – Konkurrenten wie „Call of Duty“ erscheinen dagegen wie millionenschwere Hollywoodproduktionen. Enttäuschung auch beim Sound: Das Hauptthema ist gelungen, wird jedoch bis zum Erbrechen wiederholt. Hölzerne „Halt! Stehenbleiben!“-Zurufe und Marschmusik kippen das Ganze dann endgültig. Und obwohl das Spiel ab 18 freigegeben ist, hält sich das Böse in Grenzen: Es gibt kein Blut oder realistisch rumkullernde Körper, nur ein paar Bilder, die wohl Hitler andeuten sollen. Die sind aber verwaschen, dass man so oder so an ihnen vorbeigelaufen wäre. Vorbeilaufen ist schließlich ein gutes Stichwort: Fans anspruchsvoller Kriegsshooter wie „Allied Assault“ lassen „Mortyr II“ trotz Budgetpreises links liegen.

Zum Fazit