Medal of Honor: Warfighter
-
-
-
- Publisher: Electronic Arts
- Entwickler: unbekannt
- Genre: Ego-Shooter
- Release: 25.10.2012
Erst kracht, es knallt, was will man mehr
23.10.2012 |
|
Autor: André
2012 ist ein merkwürdiges Jahr. Wir dachten, „Dishonored“ wird das beste Spiel, das wir je gesehen haben, und dann war es zwar toll, aber eben nicht so toll. Dafür wurde mit „XCOM“ plötzlich ausgerechnet ein Rundenstrategiespiel der erste 90er des Jahres. Und nun? Nun ist auch noch ausgerechnet „Medal of Honor: Warfighter“ nicht die peinlich-patriotische Plänkelei, mit der wir gerechnet haben. Wenn das so weitergeht, wird die Wii U unsere neue Lieblingskonsole, das nächste Bushido-Album ein Knaller und „Agent Ranjid“ eine gute Komödie.
Zumindest EA und sein Studio Danger Close haben es schon mal geschafft. Im Vorfeld leierten beide noch das gleiche Marketing-Gesülze von Authentizität und Soldatenehre herunter, das uns schon bei „Medal of Honor“ zum Hals raushing. Doch diesmal scheinen die ohnehin faseligen Worthülsen endgültig nur noch Rückstände der Marketing-Platzpatronen zu sein. Tatsächlich haben die Macher erkannt: Das „Call of Duty“-Rezept mit seiner Hollywood-Action kommt beim Volke besser an. Funksprüche, Bewaffnung und ein paar taktische Manöver mögen noch immer der Realität entlehnt sein. Ansonsten ist das Spiel aber diesmal so realistisch wie unsere Weltherrschaftspläne.
Die Zeit, in der ihr vermeintlich reale Missionen des Afghanistankrieges nachspielen solltet, ist vorbei. Diesmal verfolgen wir die aus dem Vorgänger bekannten Herren „Voodoo“, „Preach“ und „Mother“ dabei, wie sie einem arabischen Terrorfürsten das Handwerk legen. Der hat sich Unmengen des Sprengstoffs „P.E.T.N.“ zugelegt, und alle Anzeichen sprechen dafür, dass er damit nicht nur das Wohnzimmer seines Höhlenverstecks ausbauen will, damit der neue Flatscreen besser reinpasst. Klingt platt, und das ist es auch. Mit allerlei wilden Zeitsprüngen und einer Unmenge fremd klingender Namen spinnt „Warfighter“ sich diese Geschichte zurecht, die angeblich immer noch auf „wahren Begebenheiten“ beruht. Dabei wirkt das Spiel aber nur wie der Arbeitskollege, der sich eine Hornbrille mit Fensterglas kauft, Klassik-CDs im Auto offen herumliegen lässt und auf Facebook immer Zitate von Heidegger und Kierkegaard postet. Es soll intelligent wirken, aber jeder weiß, dass er heimlich doch Rammstein hört.
Die Zwischensequenzen sind technisch sehr gut, nicht abbrechbar und dramaturgisch platt und hölzern.
Eine merkwürdige Entscheidung sind die Zwischensequenzen. Einerseits, weil die verdammten Dinger nicht abbrechbar sind. Ein Unding in diesen Tagen. Andererseits, weil die Figuren extrem lebensecht gerendert sind. Manchmal könnte man fast meinen, es sind Schauspieler - bis sie ihre künstliche Mimik oder unrealistisch wirkende Kleidung verrät. Warum dann nicht gleich echte Akteure, deren Lächeln nicht so aussieht, dass man dahinter nur ein Alien mit Menschenhautmaske vermutet?
Die neue Kreuzung zwischen James Bond und US-Armee jedenfalls, tut der Abgrenzung zur Konkurrenz aus dem Hause Activision nicht besonders gut.
Alle Beteuerungen, man sei viel realistischer als „Call of Duty“, helfen da nichts. Aber seine ohnehin begrenzte Originalität hat „Warfighter“ zu einem überaus günstigen Wechselkurs gegen Unterhaltung eingetauscht. Kaum fünf Minuten haben wir unseren Shooter-Soldaten unter Kontrolle, schon explodiert neben uns ein Frachtschiff und es regnet riesige Metallcontainer vom Himmel.
Auch ein-zwei typische Flugszenen gibt es, in denen ihr euch als Helikopterschütze betätigt. Dank der netten Zerstörung sind auch diese unterhaltsam.
Auch die übrigen zwölf Missionen sind randvoll mit wunderbar übertriebenem Irrsinn, der immer noch eins draufzusetzen versucht. Ein Schlauchboot während eines Taifuns durch eine überflutete Stadt steuern? Gut. Währenddessen auch noch Terroristen mit dem Bordgeschütz wegmähen? Besser. Dabei zwischen einstürzenden Häusern hindurchrasen? Perfekt.
Überhaupt sind einige der besten Actionszenen des Spiels gar keine Shooter-Passagen. Neben der erwähnten Ich-habe-ein-MG-und-ein-Gummiboot-Sequenz sind es vor allem zwei weitere Verfolgungsjagden, in denen der Bär nicht nur steppt, sondern auch die Kuh fliegt und der Hund in der Pfanne verrückt wird. Beispielsweise jagen wir in Pakistan einem Verdächtigen im Auto hinterher, und weder Mülltonnen noch Straßenlaternen, Basare, schlammige Straßen oder Gegenverkehr können uns aufhalten. Nur auf eine besonders realistische Fahrphysik solltet ihr nicht hoffen. Wir spielen hier immer noch einen Ego-Shooter, und die Karren sollen ja auf dem PC auch mit dem Keyboard steuerbar bleiben.
Von einer, zwei Stellen, an denen man vor lauter toll inszenierten Crashes die falsche Abzweigung erwischen kann, sind diese Szenen daher spielerisch wenig anspruchsvoll. Was in gewisser Weise für das ganze Spiel gilt. Die Shooter-Passagen von „Warfighter“ sind erst auf den höheren Schwierigkeitsgraden wirklich fordernd. Allerdings nur, weil eure Gegner besonders präzise treffen, in Horden auftreten und ihr nichts mehr aushaltet. Die KI ist nicht mehr so herzergreifend zurückgeblieben, dass man im Abspann nach dem Spendenkonto Ausschau hält. Sie geht in Deckung und steckt ihren Kopf immerhin mal oben, mal seitwärts heraus. Aber wie ihre Brüder und Schwestern in den anderen Schlauchlevels dieser Welt, sind sie in erster Linie Kanonenfutter, und so verhalten sie sich auch.
Überhaupt sind die eigentlichen Gefechte vielleicht die größte Schwachstelle des Spiels. Was auf den ersten Blick gar nicht einleuchten will, denn die Steuerung funktioniert gut und liefert die Art physischer Präsenz, die man heutzutage von einem Shooter erwartet. Unser Soldat klettert über Hindernisse, sprintet von Deckung zu Deckung und rutscht sogar aus vollem Lauf durch die Gegend, als wäre er um ein paar Ecken mit „Mirror's Edge“ verwandt. All das geht flott genug, um den Spielfluss nicht zu unterbrechen, wirkt aber nie so mühelos, dass die Illusion, durch die Augen eines Elitekämpfers zu blicken, flöten geht. Auch die erstklassige Soundkulisse ist sicherlich kein Hemmschuh. Satte, metallisch-knallende Schussgeräusche, wuchtige Einschläge und Explosionen, die das Spielzimmer vibrieren lassen, lassen Erinnerungen an „Battlefield 3“ wach werden. Was also in aller Welt ist der Grund, dass uns längere Feuergefechte meist ein wenig mühsam vorkamen?



