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Hoffnungslos verloren?

04.03.2008 | PC | Autor: André

Früher, wenn man von „Inselaffen“ sprach, war das meist eine diskreditierende Bezeichnung für unsere englischen Nachbarn. Seitdem jedoch die Fernsehserie „Lost“ samt Fans das Internet unsicher macht, kann und darf man sich da nicht mehr so sicher sein. In der mittlerweile vierten Staffel tut Produzent und Erfinder J.J. Abrams das, was er anscheinend am besten kann: viele interessante Fragen aufwerfen und die meisten davon dort liegen lassen, wo sie hinfallen. Im Falle von „Lost“ drehen sich diese Fragen um eine Gruppe – na ja, genau genommen zwei Gruppen – Überlebender aus einem Flugzeugabsturz und die Insel, auf der sie gestrandet sind. Denn auch wenn das Eiland, auf die es die „Glück-im-Unglück“-Truppe verschlagen hat, aussieht, als müsse jeden Moment eine Filmcrew eintreffen, um den nächsten Baccardi-Spot zu drehen, ist doch so einiges nicht in Ordnung im Paradies. Mysteriöse Bunkeranlagen mit allerlei Forschungs-Krimskrams durchziehen die Insel, ein eigenartiges Monster das den Dschungel unsicher macht und eine dritte Partei von Inselbewohnern mit finsteren Motiven lassen nicht gerade Wellness-Feeling aufkommen.

Rückblende
Im Spiel zur TV-Serie verschlägt es den geneigten „Losti“ endlich, endlich höchstselbst an den zuckerweißen Strand der namenlosen Insel. Hier durchlebt ihr die Geschichte des in der Serie bislang völlig unbekannten Passagiers namens „Elliot“. Wie alle anderen Reisenden auch, hat Elliot einige Abenteuer auf der Insel und einige Erinnerungen an seine nicht blütenweiße Vergangenheit zu bewältigen. Letzteres natürlich in Form der berühmt-berüchtigten „Flashbacks“. Die Rückblenden sind im Spiel jedoch weit weniger ausladend als in der Serie und zeigen meist nur eine kurze Szene aus Elliots Vergangenheit in graublauem Filter. Eure Aufgabe in diesen Szenen ist es, ein Foto von einem entscheidenden Detail zu schießen, das dann Elliots Erinnerung in Schwung bringt. Im ersten Flashback sitzt ihr zum Beispiel wieder auf eurem Platz im Unglücksflieger Oceanic 815 und beobachtet, wie Kate zur Toilette marschiert. Auf dem Rückweg gibt es dann einen kurzen Moment, in dem die Handschellen unter der darüber geworfenen Jacke sichtbar werden. Genau dieses Detail müsst ihr knipsen, damit Elliott zu sich selbst murmeln kann, dass man Kate vielleicht doch nicht vorbehaltlos den eigenen Bausparvertrag zur Aufbewahrung überlassen sollte. Das Spiel ist dabei recht zickig, welchen Bildausschnitt es haben will, und lässt euch die Rückblende gern mehrfach wiederholen, auch wenn ihr längst entdeckt habt, worauf es ankommt. Im Vergleich zur Serie müsst ihr im Spiel aber immerhin nicht damit rechnen, dass ein spannender Handlungsstrang erst mal durch mehrere Flashback-Episoden unterbrochen wird. Auch ein Vorteil!

Sawyer umlegen? Geht nicht!
Das eigentliche Spiel jedoch ist eine Mischung aus ein klein wenig Action und deutlich mehr Abenteuerspiel. Wenn wir dabei „ein klein wenig“ sagen, dann meinen wir das übrigens auch. Obwohl ihr mit Munition knapp gehalten werdet, reichen die Kugeln in eurer Pistole locker aus, denn in den meisten Situationen heißt es sowieso: „Jetzt nicht!“. So sehr euch Sawyer also auch auf den Sack gehen mag, euer kleines Strandmassaker könnt ihr vergessen.

Stimmige Atmosphäre
Hinsichtlich der Präsentation gibt es wenig Grund zur Klage. Für Nicht-Kenner der Serie gibt es aber keine wirklichen Kaufanreize.

Der deutlich prominentere Spielpart besteht neben den erwähnten Flashback-Sequenzen vor allem aus Dialogen und ein paar Minigames. Genau genommen vor allem aus einem Minigame, in dem ihr elektrische Schaltkästen reparieren müsst. Egal ob Treibstoffleck im Flugzeug oder verschlossene Sicherheitstür: Immer wieder müsst ihr die Schaltung auf die gleiche Art und Weise wieder zusammenpuzzeln. Keine Spannungskanone. Interessanter sind da für den Fan schon die Unterhaltungen mit den Inselcharakteren. Wie so oft klingen die aber trotz Originalsprechern seltsam distanziert. Aber auch die Dialoge sind oft arg inhaltsleer und nicht besonders aufregend.

Zwar hat man sich erfolgreich bemüht die verschiedenen Charaktere einzufangen, dies zeitigt aber gerade bei Sawyer und seinem Tick mit den Spitznamen mitunter eher peinliche Ergebnisse. Hier käme denn auch wieder das oben schon erwähnte Problem mit der Pistole ins Spiel.

Selber am Strand
Immerhin: Die Geschichte unserer Spielfigur ist durchaus interessant und hat am Ende eine gelungene „Lost“-Wendung parat. Leider, so haben die Autoren der Serie bereits in einem Interview kundgetan, gilt das Spiel nicht als Teil des „Lost“-Kanons. Das bedeutet, dass man sich quasi das Recht vorbehält, jederzeit die Ereignisse aus dem Spiel mit Füßen zu treten und zu ignorieren, als wären sie nur ein Stück billiger Fanfiction.

Leichte Kost
Für Fans ist die Versoftung einen Blick wert. Die kurze Spielzeit und das simple Gameplay stehen aber in keinem Verhältnis zum Preis.

Das unter „Lost“-Zuschauern so beliebte Rätseln darüber, wie die Geschehnisse denn nun in den Gesamtkontext der Serie einzuordnen sind, entfällt also. Besonders viele neue Informationen hält das Spiel aber ohnehin nicht bereit. Während ihr Elliots Geschichte verfolgt, läuft dabei die Serienhandlung parallel zur neuen Story weiter. Jedoch springt das Spiel hierbei unregelmäßig in der Zeitlinie nach vorne, um absurd viel „Lost“ in seiner extrem kurzen Spielzeit von lumpigen fünf Stunden unterzubringen. Wer die Serie gut kennt, hat damit kein allzu großes Problem, denn immerhin ist ja bekannt, was da so alles passiert und worauf die Charaktere anspielen. Der „Lost“-Unkundige hingegen, der die Lücken in der Geschichte nicht mit seinem Serienwissen auffüllen kann, wird vermutlich eine hektische und wenig überzeugende Inselwanderung erleben.

Auch Serienfans sollten sich jedoch nicht allzu viel erwarten. Klar: Wenn man das erste Mal selbst am Strand entlang läuft und das Wrack der Oceanic-Maschine aus allen denkbaren 3D-Winkeln betrachten kann, läuft einem ein wohliger Schauer über den Rücken. Allerdings macht auch gerade diese Szene sehr, sehr deutlich, wie limitiert das Spiel in dieser Hinsicht sein kann. Denn statt wildem Chaos nach dem Absturz ist die Strandszene quasi ein kleines Idyll mit Wrack. Niemand wird hier in die Turbine gesogen, nur eine Handvoll Seriencharaktere wie Jack, Locke und Michael sind am Strand zu finden. Sie alle haben dabei einen Bewegungsradius zwischen null und drei Metern, bewegen sich also praktisch gar nicht. Die Atmosphäre aus der Startepisode von „Lost“ wird trotz hübscher Grafik absolut nicht eingefangen. Erneut ist die Fantasie des Serienzuschauers gefragt, um die fehlende Dramatik hinzuzublenden.

Ein weiteres Problem sind die leblosen Charaktere, die ihren Serienvorbildern zwar durchaus ähnlich sehen, ihnen aber für ein Spiel mit offizieller Lizenz und insbesondere angesichts der übrigen Grafikpracht nicht nahe genug kommen. Wenn sich die Belegschaft dann doch mal bewegt, sind ihre Bewegungen zudem schlecht animiert und versaubeuteln einiges an Glaubwürdigkeit.

Reden und rätseln
Die Umgebungsgrafik, das muss man hingegen sagen, ist wirklich gut gelungen, über weite Strecken sogar hervorragend. Der Dschungel in „Lost“ sieht zum Beispiel einfach klasse aus, auch der Strand und ein späterer Trip zum Black Rock sind sehenswert. Wirklich erhebende Momente für Serienfans sind unter anderem auch ein Besuch in der Station „The Swan“ und die Chance, die berühmte Zahlenfolge einmal selbst einzutippen. Hier hat sich Ubsioft wie schon bei „King Kong“ wirklich ins Zeug gelegt. Zwischen den verschiedenen Plattformen existieren denn auch nur minimale Unterschiede, wobei die Versionen für Playstation 3 und PC am besten aussehen, die Xbox 360 dagegen durch kleine Grafikfehler ein wenig abfällt. PS3-Nutzer müssen dafür jedoch erneut eine einmalige Zwangsinstallation hinnehmen, worüber die PC-Kundschaft wiederum nur müde lächelt. Auch in der Abteilung „Sound“ dürfen wir sehr gute Noten verteilen. Hier wurde jedem Insekt ordnungsgemäß das Mikro unter die Fühler gehalten, jede Welle einzeln gecastet, und natürlich sind auch die typischen „Lost“-Soundeffekte wie der „rauschende“ Übergang zum Flashback oder der Titel-Sound mit an Bord.

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