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Ein Gamer auf Weltreise #2

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Die Rückkehr der Leidenschaft

06.07.2012 | Autor: André

Eine Weltreise lässt sich nicht in einem Tag erledigen. Wir schaffen es aber immerhin in zwei! Ohne lange Vorrede präsentieren wir euch den zweiten Teil von Richard Löwensteins wundervollem Bericht von seiner Weltreise durch die Augen eines desillusionierten Gamers. Wer Teil Eins verpasst hat, holt einen der besten Artikel den wir euch je kredenzen durften besser schnell nach!

Ein Gamer auf Weltreise, Teil 2
Von Richard Löwenstein

Mitte April lassen Doreen und ich Südamerika hinter uns. Wir fliegen von Perus Hauptstadt Lima aus in die USA, und bereisen mehrere Bundesstaaten mit unserem kleinen Kia-Leihwagen. Den Anfang macht Florida. Der Sonnenstaat der unbegrenzten Freizeit-Möglichkeiten. Du kannst hier sogar mit der Power von 800 Pferdestärken dein Leben gegen die Wand fahren, wenn du nur dafür zahlst. Glaubt mir´s, ich hab´s probiert. Und das kam so: Doreen müssen irgendwann meine leuchtenden Augen aufgefallen sein, als ich ihr von Daytona erzählt habe. Dem Küstenort in Florida, Heimat des Marathonrennens "Daytona 500", Quelle der Inspiration für das von mir hochverehrte Racing-Game "Daytona USA" aus dem Hause Sega. Irgendwann müssen schräge Gedanken in Doreen gekeimt sein. Und so hat sie mir zum Geburtstag ein paar Runden Selberfahren in einem echten Nascar-Rennwagen geschenkt. Genau so einem wie im Sega-Game. Nirgendwo anders als in Daytona selbst. Mekka für Motorsportler, Mutprobe für mich. Tolle Möglichkeit auch zum Vergleich: Wie fühlt sich die Realität im Vergleich mit dem Videospiel an?

Einmal Vollgas bitte: Ich verehre Segas "Daytona USA". Umso aufregender das Erlebnis, als ich in Daytona/Florida einen echten Nascar-Rennwagen fahren darf.

Ich bin ehrlich nicht sicher, ob ich in der ersten Runde überhaupt geatmet habe. Knapp 69 Sekunden dauert meine erste Runde, das halte ich ohne Luftholen aus. Muss ja immer voll konzentriert sein; einmal im falschen Moment blinzeln, und schon schießt du in die Mauer - das sind jedenfalls so die Gedanken, die dir anfangs durch den Kopf schießen. Ich fokussiere nur die Rennstrecke, den Instruktor und die Frontscheibe aus Kunststoff, wie sie bei 240 Sachen zu zittern beginnt. Mit jeder Runde bleibe ich in den Steilkurven mehr und mehr auf dem Gas stehen. Und spüre, wie die Schwer- bzw. G-Kräfte meinen Körper stärker und stärker in den Sitz pressen. In den letzten beiden Runden fällt mir das Luftholen merklich schwer, dafür sorgen diese G-Kräfte. Das macht mir ein bisschen Angst. Aber es peitscht mich zugleich vorwärts. Ein unbeschreibliches Gefühl. Als wäre ich Jetpilot. Und anstrengend. Nach acht Runden klettere ich aus dem Sitz, und bin durchgeschwitzt. Das ist mir beim Videospiel noch nie passiert. Auch nicht auf dem Wii Balance Board.

In den USA ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich unbewusst die Wirklichkeit mit meinen Videospiele-Erfahrungen abgleiche. Bei der Fahrt durch Oregon und Kalifornien muss ich häufig an meine Lieblings-Rennspiele denken. Diese offene Steppe, sieht das nicht aus wie bei "Need for Speed Pro Street"? Eine Allee aus Mammutbäumen, genau wie bei "Out Run Online Arcade"! Wie sich dieser irre breite Highway zwischen Hügeln und Wäldern hindurch schlängelt, genau wie bei "Burnout Paradise"!

Reiner Zufall, dass wir im Juni unseren kleinen Kia-Leihwagen nach Los Angeles schaukeln. Genau in den Tagen, wo sich dort die Videospiel-Branche zur Branchen-Fachmesse E3 einstellt. Ich nutze die Gelegenheit für ein bisschen Händeschütteln und Reinschnuppern in kommende Spiele.

Erstkontakt mit Nintendos Neuer: Im Juni treibt´s mich nach L.A., wo gerade die Branchenmesse E3 stattfindet. Außer Wii U finde ich dort wenig Aufregendes.

Fühle mich aber nicht geflasht. Ubi stellt ein neues "Assassin´s Creed" vor, Electronic Arts ein weiteres "Need for Speed", Activision kommt mir mit "Call of Duty". Komme mir vor wie bei einer Zeitreise zwei Jahre zurück. Da hatten sie hier so ziemlich dasselbe Programm. Am meisten Spaß habe ich mit einer kleinen Konami-Produktion auf der Playstation 3. Ich lotse eine quecksilberartige Flüssigkeit durch ein Fallen-Labyrinth. Danke, "Puddle", für einige unterhaltsame Augenblicke.

Einige Wochen später steigen Doreen und ich in den Flieger nach Tokio. Wir sind beide nervös. Unser erster Kontakt mit Asien, mit der fremden Sprache und Menschen, die so anders sind als wir Europäer: Zugeknöpft, hektisch, seltsam eben. Wer kauft schon gebrauchte Slips aus Automaten, und holt sich den Kick aus gezeichneten Sex-Comics? Mein Asienbild ist geprägt durch all die Fantasien, die mir von den westlichen Medien eingetrichtert wurden.

Tatsächlich erlebe ich die Menschen in Tokio ganz anders. Als enorm freundlich und umgänglich, gar nicht scheu, dafür extrem hilfsbereit und zuvorkommend. Dass ich mich von der ersten Minute an so wohl fühle in Japans Millionen-Metropole, hängt auch mit der sozialen Kultur zusammen. Zumindest das Zusammenleben hier in Tokio scheint mir durch Toleranz und Respekt geprägt. Ich sehe viele Menschen, die sich ausleben. Sie tragen irre Klamotten, verkleiden sich, folgen ihren Passionen. Die Leute zeigen große Achtung vor ihren Mitmenschen. Mit lautem Sound aus winzigen Ohrhörern den anderen Gästen in der U-Bahn auf den Sack gehen, sowas macht hier niemand. Stattdessen reiße ich die Augen auf, als ich nach Verlassen des Zuges auf eine Plakatwerbung ein vertrautes Motiv entdecke. Ist das nicht eine Vic Viper im Anflug auf ein fieses Mega-Kampfraumschiff? Also, man muss schon eingefleischter Retro-Gamer sein, um dieses Bild als Szene aus Konamis Horizontal-Shooter "Nemesis" zu erkennen. Aber tatsächlich: Das Bild leuchtet vom Plakat, und es bewirbt das Cover eines Magazins namens "Shooting Gameside". Eine Zeitschrift nur für Fans von Horizontal- und Vertikalshootern. Meine Güte. Japan, du hast´s wirklich besser.

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