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Der Warme Händedruck 2011

Artikelbewertung: (Bewerten weiter unten)

Die beiden besten Spielejournalisten 2011

06.01.2012 | Autor: André

Leser dieser Welt! Connaisseure der kunstvollen Kulturkritik! Es ist soweit! Am heutigen Tage vergeben wir mit gleichzeitig von Stolz geschwellter Brust und in Demut gesenktem Haupte den „Warmen Händedruck 2011“. Die damit verbundenen Risiken einer Halswirbelversteifung nehmen wir gern in Kauf, denn, wenn es irgendjemand verdient hat, dann unsere Preisträger. Ihr alle wisst, worum es geht: Unser vielsagen benannter Preis gibt denjenigen Autoren, die im Jahr 2011 die besten und interessantesten deutschsprachigen Artikel zum Thema „Computerspiele“ verfasst haben, was sie anderswo nicht bekommen: Anerkennung und Respekt. Weil wir jedoch von Haus aus ziemlich respektlos sind, haben wir in diesem Jahr die Gewinnsumme deutlich erhöht. Der „Warme Händedruck 2011“ wird erstmals in zwei Kategorien vergeben. Der Jury-Preis wird direkt durch unsere Beste Jury der Welt™ vergeben. Der Preisträger der KGN-Community hingegen wurde in den letzten Wochen von rund 3400 Krawall-Lesern aus vier von der Jury nominierten Artikel gewählt. Alle Infos über Jury und Nominierte gibt es hier.

Der Preisträger der Jury
Kurz zur Erinnerung.: Die Beste Jury der Welt™ besteht aus Gunnar Lott (Ex-Chefred Gamestar), Linda Breitlauch (Professur für Gamedesing mit Schwerpunkt Dramaturgie und Interaktive-Geschichten) und Ralf Adam (ehemaliger Redakteur, langjähriger Prdouzent von Spielen wie „Spellforce“). Alle drei Juroren waren sich einig, dass dieser Artikel der beste des Jahres 2011 gewesen ist.

Christian Schmidt:
Mehr Geist bitte, liebe Games-Tester

Es ist der Artikel, der 2011 die größte und umfassendste Diskussion innerhalb der Spielebranche ausgelöst hat. Dutzende namhafte Vertreter stimmten Christian Schmidts These zu, dass sich etwas ändern muss an der Art und Weise wie Spiele besprochen werden und am Selbstverständnis der Magazine. Auch wenn es keine neue Idee war, die Schmidt da vortrug, sie war geschliffen formuliert und vorgetragen von einem respektierten Journalisten, dessen Name es möglich machte, dass dieses Thema auf Spiegel.de eine größere Öffentlichkeit fand, als je zuvor. Jury-Mitglied Ralf Adam fasst mit seinem Statement zusammen, was alle Juroren dachten:

„Sowohl rein inhaltlich als auch stilistisch für mich eindeutig der beste Artikel. Er spricht mir persönlich aus dem Herzen, aber selbst wenn ich komplett konträrer Meinung wäre – kein anderer Artikel in diesem Jahr hat für so viel Resonanz und Medienecho gesorgt“, so schreibt er. Alle drei Juroren befanden einhellig: Dies ist der Artikel des Jahres. Wobei sich Gunnar Lott als ehemaliger Kollege von Christian Schmidt an der Abstimmung nicht aktiv beteiligt hat.

Der ungekürzte Originalartikel von Christian ist auf dem Blog von Gunnar Lott nachlesbar. Sozusagen der 'Director's Cut'.

Natürlich wollten wir hören, wie sie so ist, die Luft da oben auf der obersten Sprosse der Karriereleiter. Und ob sein Artikel denn nun mehr bewegt hat, als die staubige Luft in den Wandelhallen der großen Redaktionen. Zu diesem Zweck haben wir Christian Schmidt noch zu einem Siegerinterview gebeten. Das hat er dann auch getan und dabei zum Schluss gleich noch einen Vergleich eingebaut, für den er eigentlich noch einen Preis verdient hätte. Überzeugt euch selbst:

Krawall.de: Christian, du hast gewonnen. Freust du dich denn?
Christian Schmidt: Absolut! Zum einen freue ich mich sehr darüber, dass Krawall diese Auszeichnung überhaupt vergibt, denn in unserer Branche beschäftigt man sich mit der Konkurrenz und der Blog-Szene gewöhnlich – wenn überhaupt – mit Misstrauen und Abgrenzung. Dass Krawall empfehlenswerte Texte und Autoren hervorhebt, gerade auch aus Blogs, kann die Qualität des Spielejournalismus nur stärken.

Das ist ja auch mein Hauptanliegen. Zum anderen zeigt mir die Wahl einmal mehr, dass dieses Anliegen von mehr Menschen als nur mir selbst für wichtig gehalten wird.

Krawall.de: Kannst du uns ein wenig zur Entstehungsgeschichte des Artikels erzählen?
Christian Schmidt: Der Artikel entstand einige Monate nach meinem Ausscheiden bei GameStar, aber er war keine Reaktion darauf, wie mir manchmal unterstellt wird. Er war einfach eine Bestandsaufnahme, die ich erst mit etwas Abstand und sozusagen „in Freiheit“ schreiben konnte. Man denkt ja oft, dass solche aufklärerischen Essays wie in Trance aus den Fingern fließen, aber in Wirklichkeit war das Schreiben eine ziemliche Quälerei.

Christian Schmidt zu seiner Zeit bei der Gamestar. Heute arbeitet er beim Browserspiel- Hersteller Bigpoint in der Marktforschung.

Ich habe drei Tage an dem Ding herumgestückelt. Die hochgeschätzten Kollegen Gunnar Lott und Christian Stöcker waren exzellente Gegenleser, auf ihre Anmerkungen hin habe ich einiges umgebaut. Der Artikel war ursprünglich nur für Gunnars Blog geplant, der Kontakt zum Spiegel kam über ihn zustande. Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich ihn dort veröffentlichen soll – die Wahl der Plattform wurde mir dann ja auch zum Vorwurf gemacht, unsinnigerweise. Letztendlich war ausschlaggebend, dass Christian Stöcker von vornherein eine Replik auf meinen Essay einplante (die dann von Petra Fröhlich kam), um eine Debatte in Gang zu bringen.

Krawall.de: Bist du selbst mit deinem Artikel zufrieden oder würdest du ihn heute anders schreiben?
Christian Schmidt: Ich würde kein Wort verändern. Der Artikel ist nach wie vor vollständig gültig, und ich fürchte, das wird er auch noch eine ganze Weile bleiben.

Krawall.de: Zunächst kamen Reaktionen auf deinen Artikel aus allen Ecken, nun ist es aber ruhig geworden. Hast du den Eindruck, du hast etwas bewegt? Gab es diese Hoffnung überhaupt oder wolltest du es "einfach mal gesagt haben"?
Christian Schmidt: Ach, dass das ein Sturm im Wasserglas sein würde, war ziemlich klar, ich kenne ja die Verhältnisse und Sachzwänge in den Verlagen. Aber es ging auch nie um eine Revolution, sondern um eine Evolution des Selbstverständnisses. Was heißt es, Spielejournalist zu sein? Auf welche Weise kann man über Spiele schreiben? Das sind Veränderungsprozesse, die Zeit brauchen, vielleicht auch eine neue Generation von Autoren. Aber ich glaube an diese Evolution, die in den Köpfen jedes einzelnen Spieletesters stattfindet, und wenn er sich nur sagt: „Heute probiere ich mal was Neues.“

Krawall.de: Wie geht es weiter für dich, jetzt wo du bei Bigpoint sitzt? Hören kann man dich bei Stayforever, aber wo liest man dich?
Christian Schmidt: Man wird mich leider in Zukunft selten lesen, denn ich arbeite nicht mehr im Journalismus. In München entsteht gerade ein Essay-Magazin des wunderbaren Kollegen Christian Schiffer, zu dem ich einen Text beigesteuert habe. Ansonsten hoffe ich, dann und wann noch mal einen Artikel für das Making Games Magazin oder für GameStar zu schreiben. Mein privates Hauptprojekt ist aber momentan der „Stay Forever“-Podcast (www.stayforever.de) mit Gunnar, der mir wahnsinnig viel Spaß macht und der, wenn’s nach mir ginge, laufen darf, bis wir alt und grau sind (soll heißen: bis ich alt und grau bin, bei Gunnar ist das ja längst der Fall).

Krawall.de: Welche anderen Autoren oder Magazine bekommen zu wenig Aufmerksamkeit und müssen dringend von dir empfohlen werden (deutschsprachig, wenn es möglich ist)? Welche Kritik möchtest du uns noch dringend ins Stammbuch schreiben (du darfst hart und gnadenlos sein).
Christian Schmidt: Ich mag schlaue Leute, ich mag meinungsstarke Leute, und ich mag Leute mit Sprachwitz, und das alles vereint Balkantoni in seinem Blog „These Nerds“, das zu lesen in etwa so ist, wie mit Marcel Prousts abgetrenntem Bein verdroschen zu werden: tut weh und ist vage beunruhigend, aber man fühlt sich doch privilegiert und um eine Erfahrung bereichert, mit der man später vielleicht mal angeben kann.

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