Ausgebuddelt-Mega-Special #3
Verrückte Sachen
27.01.2010 | Autor: Nils Ehring
Seit über einem halben Jahr haben wir euch schon nicht mehr mit frischen Underground-Spielen versorgt. Hauptgrund dafür war in erster Linie das Weihnachtsgeschäft, das vor lauter Top-Titeln aus allen Nähten platzte. Zwischendurch stand noch der wohlverdiente Urlaub an, natürlich nur für den Chef. Peschke machte sich auf in die Camargue und nahm sich zur Entspannung einige arg durchgenudelte Messebabes mit. Ich dagegen musste ordentlich schuften und die neue Praktikantin einarbeiten. Das alles gehört nun aber endgültig der Vergangenheit an, denn ein neues Jahr mit noch größeren Spielen hat begonnen. Damit ihr von der meterhohen Mainstream-Welle nicht gänzlich weggespült werdet und nicht den Blick für die kleinen Freuden im Leben verliert, hier also unser drittes „Ausgebuddelt-Mega-Special“.
Nackte Tatsachen
Beginnen wir doch mit einer nackten Fahrradtour. Ihr habt richtig gehört: nackt! Der Held des Browserspiels „Icycle“ fährt nämlich so, wie Gott ihn erschaffen hat, auf seinem Drahtesel durch die Pampa.
Das Browserspiel „Icycle“ ist Slapstick in Reinform. Dem nackten Helden bei seinen Fauxpas zuzuschauen, ist eine Wonne.
Die Erklärung dafür ist genauso skurril wie plausibel: Der Klimawandel hat die ganze Welt in eine Eislandschaft verwandelt. Es gibt kaum noch Leben auf der Erde. Zum Glück ist da noch unser mysteriöser nackter Held, der aus einem Dornröschenschlaf erwacht, sich aufs Fahrrad schwingt und einem anderen Überlebenden hinterher radelt. Was folgt, ist ein zwar kurzes, aber ungemein forderndes und lustiges Spielerlebnis. Die Steuerung könnte dabei nicht unkomplizierter sein: Mit den Pfeiltasten lasst ihr den FKK-Biker in die Pedale treten beziehungsweise abbremsen und per Space-Taste motiviert ihr ihn zu Sprüngen. So simpel die Steuerung des einsamen Nackedeis ist, so unterhaltsam ist sein Abenteuer.
Dafür ist in erster Linie der abgedrehte Protagonist mit seinem Mini-Fahrrad verantwortlich. Der arme Kerl wird bei seinem 2-D-Abenteuer mit allerlei Gefahren konfrontiert: Er muss tiefe Schluchten überwinden, so schnell wie möglich über brechende Eisschollen fahren, sein Vehikel durch gefährliche Aufwinde bugsieren, und so weiter. Trial-and-Error-Passagen sind bei „Icycle“ quasi mit einkalkuliert. Manchmal sind die Wechsel zwischen den einzelnen Schauplätzen so abrupt und die Gefahrenabfolgen so schwer vorhersehbar, dass ein Absturz des Helden vorprogrammiert ist. Doch selbst diese Momente verzeiht man dem Spiel – ganz einfach weil die Art, wie der nackte Fahrradfahrer ins Verderben stürzt, so witzig inszeniert ist. Wenn er zum Beispiel in die Tiefe fällt, durchdringt ein gellender Schrei das Pfeifen des Eissturms.
„Star Guard“ dürfte vor allem bei Retro-Fans und ehemaligen VCS-Besitzern für freudige Tränen sorgen.
Landet der arme Kerl im Schnee, friert er sofort fest. „Icycle“ lebt genau von diesen Momenten, in denen sein Held mit der Tücke des Objekts zu kämpfen hat – eben Slapstick in Reinform. Diese humorvolle Grundzutat in Verbindung mit der farbenfrohen Levelgestaltung als Geschmacksverstärker machen „Icycle“ äußerst gaumenfreundlich. Also, schwingt euch endlich aufs Rad, besucht diese Seite und strampelt wortwörtlich ums nackte Überleben.
Knarzende Strichmännchen
Nach der Fahrradtour stehen bei unserem nächsten Spiel gepflegtes Laufen, Hüpfen und Ballern im Retro-Look auf dem Programm. Die Rede ist von „Star Guard“, bei dem ihr in den schlanken Körper eines grünen, pixeligen Strichmännchens schlüpft, das sich samt Laserpistole durch neun Level schießt, um zum Schluss im finalen Kampf den Oberbösewicht zu stellen. Bis es so weit ist, gilt es natürlich zahlreiche Gefahren zu umschiffen. Rote menschenfressende Monster streunen durch die gelben Korridore, Bomben fallen von der Decke, Minen liegen im Weg rum und Selbstschussanlagen feuern aus allen Rohren. Das klingt jetzt alles nicht gerade nach einer extrem innovativen Herausforderung, aber „Star Guard“ überzeugt in erster Linie durch seine audiovisuellen Reize. Es knarzt, fiept und scheppert an allen Enden.



