Spiele schönsaufen
Zeit, dass sich was dreht
11.07.2006 | Autor: Redaktion
Seit Jahrzehnten ist es bei der Paarung ein bewährtes Mittel: Das Schönsaufen. So hat selbst Quasimodos Schwester in der Faschingsnacht Zugang zum Genpool. Auch sonst hat der Alkohol eine lange und stolze Historie, was das Lindern von Schmerz anbelangt. So gab es in früheren Zeiten beim Zahnarzt noch die Whiskey-Pulle statt der Betäubungsspritze – zumindest haben wir das so in einem Western gesehen. Auch für so manch berühmten Schriftsteller war der Suff ein treuer Begleiter auf dem Weg an die Spitze und weiter bis ins Grab. Entsprechend verständlich ist es, dass die universelle Anwendbarkeit von Alkohol bis heute die Phantasie der Menschen beflügelt – auch die der Spieler.
Schau wie ich spitte
Dom P on da Mic: Rap-Karaoke macht viel mehr Spaß als der ewige Modern-Talking-Mist.
Mit genügend Umdrehungen auf dem Kolben, so das Gerücht, wird plötzlich aus „Call a Pizzadude“ ein „Call of Duty“.
Doch stimmt das wirklich? Kann uns eine amtliche Volldröhnung helfen, auch an den letzten Fehlkäufen vom Grabbeltisch bei Karstadt wieder Freude zu haben? Haben wir endlich die Erklärung für den Erfolg von „Moorhuhn“ gefunden, das ja ursprünglich Werbeträger für Johnny Walker war? Als oberste wissenschaftliche Institution der Spielebranche sieht es das Krawall Gaming Network als seine Pflicht an, endlich Licht in das komatöse Dunkel dieser Fragestellung zu bringen. Chefredakteur André und Stv. Chefredakteur Gleb traten daher persönlich an, um in einem schonungslosen Selbstversuch den Tatsachen auf den Grund zu gehen. Dabei gingen sie wie folgt vor: Je zwei anerkannt schlechte PC- und Konsolen-Titel wurden zunächst in nüchternem Zustand gespielt und eine Bewertung der Spiele festgehalten. Anschließend wiederholten wir die Testläufe mit fortschreitendem Alkoholisierungsgrad. Die Regeln: Wenn einer trinkt, muss der andere mitziehen, der Alkoholisierungsgrad ist in Form von „Shots“ zu protokollieren, und sämtliche Anmerkungen zu den Spielen sind noch am selben Abend im berauschten Zustand zu verfassen. Das Ergebnis dieser Untersuchung ist ein Zeugnis von journalistischem Pioniergeist und gibt endlich Antwort auf die Frage: Kann man sich Spiele schönsaufen?
Nüchtern (Andre)
„Wer hart arbeitet, darf auch hart saufen“ hat mein Opa immer gesagt. Also hab ich mir gleich mal den Freitankschein für heute Abend gesichert und bin mit „Crazy Frog Racer“ ins Rennen gestartet. Schon nach dem Vorspann mit dem typischen „Ren-deng-deng“-Geseier von dem Drecksvieh wollte ich mir eigentlich die Kante geben. Die Beschreibung als „The Annoying Thing“ auf der Packung ist mal wieder Marketing-Schönfärberei vom Feinsten. Immerhin zeigt „Crazy Frog“ sehr deutlich, was in unserem Land im Argen liegt. Schlimm genug, dass Massenvergewaltiger mit ermahnenden Worten vom Richter und zwei Wochen Sozialdienst im Frauenwohnheim aus dem Gerichtssaal marschieren. Aber dass man hierzulande diese akustisch-optische Beulenpest straffrei in Umlauf zu bringen kann, darf nicht länger toleriert werden! „Fire Warrior“ kannte ich schon vorher. Damals auf der PS2 gespielt und für langweiligen Mist befunden. Hat sich nicht viel getan.
Nüchtern (Gleb)
Stichwort „Fire Warrior“ – ein Spiel, vor dem mich mein Kollege Heiko schon immer gewarnt hatte. Satte 41% hat er dem Shooter von Kuju/THQ vor zwei Jahren gegeben – genau das Richtige, um den Einfluss von Alkohol auf des Spielers Stammhirn zu testen. Das Blabla von genmanipulierten Soldaten im Intro überspringe ich. Irgendwann zieht das einfach nicht mehr. Schon die erste Mission wühlt auf: Soldaten, die aussehen wie Playmobil für Arme, warten in einem Landungsschiff auf ihren Einsatz.
Na' dann Prost!
Junk Food, Eiscafe, Wodka: Spieleredakteure leben ständig auf der Überholspur zur Fettleibigkeit.
Die Grafik ist wirklich ein Griff ins Klo. Dann rüttelt es, und ich bin plötzlich in einem Schützengraben. Rote und blaue Laser zucken wie beim schlimmsten Technoumzug, während ich – Achtung! – Nazis mit Kettensägen als Handersatz tranchiere.
Faschos from Hell im dritten Jahrtausend plus Zweiter Weltkrieg mit Lasern – verleiht bitte Uwe Boll den Pulitzerpreis, denn nur das ist wirklich Trash in seiner reinsten Form. Segnet einer von den Mantelknaben das Zeitliche, wird ein Röcheln abgespielt, das ihr bei der schlimmsten Diarrhö nicht wiedergeben könntet. Unweigerlich drängt sich mir das Bild von THQs Qualitätssicherung auf: Zwei dicke Typen in ihren Vierzigern sitzen in einem dunklen Raum und essen Thunfisch-Sandwiches. Der eine Langhaarzottel kratzt sich am Bauch und kleckert Mayo auf eine lange Liste von Verbesserungen, die die Entwickler noch vor dem „Fire Warrior“-Release abarbeiten müssen. Der andere lacht hämisch – Schnitt. Alles dunkel.



