USK in der Kritik
Gespräch mit einem Feindbild
07.12.2006 | Autor: André
Seit dem Amoklauf von Emsdetten steht die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, kurz USK, mehr denn je im Kreuzfeuer der Kritik. Neben Politikern und Journalisten stand diesmal der Kriminologe Prof. Christian Pfeiffer an vorderster Front. Pfeiffer wirft der USK vor, zu lasche Wertungen zu vergeben. Derzeit überprüft Pfeiffer mit einem eigenen Team von Gutachtern etwa 70 Bewertungen der USK. Nach rund 30 Gegenprüfungen will er bereits viele Fehlwertungen festgestellt haben. Auch Günther Beckstein, bayrischer Innenminister und ob seiner Äußerungen in der Vergangenheit Spieler-Nemesis, hat sich erneut zu Wort gemeldet. Beckstein will künftig die Herstellung von Gewaltspielen mit bis zu einem Jahr Haft belegen lassen.
Auf der anderen Seite gab es jüngst eine kleine Entwarnung aus dem Bundestag: Eine Neubewertung der USK sei ohnehin für nächstes Jahr vorgesehen, heißt es. Bis dahin wolle man nun noch warten und nicht in blinden Aktionismus verfallen.
Wir sprachen unlängst mit Christine Schulz, der Leiterin der USK, die am 6. Februar dieses Jahres die Nachfolge von Peter Gerstenberger antrat. Neben einer Reaktion auf die Anschuldigungen von Prof. Pfeiffer ging es unter anderem auch um den noch immer ungenügenden Bekanntheitsgrad der USK, Veränderungen in der Wertungspolitik der USK und das Selbstverständnis der USK.
Krawall.de: Frau Schulz, als wir zuletzt mit Ihrem Vorgänger, Herrn Gerstenberger, gesprochen haben, sagte der uns noch, das Endziel der USK sei es, sich selbst überflüssig zu machen. Er sah die Debatte um „Killerspiele“ und dergleichen lediglich als Geburtswehen eines neuen Mediums, wie sie Fernsehen und auch Bücher schon erlebt haben. Sobald jedoch alle damit vertraut seien, wäre es Schnee von gestern. Ist das auch Ihre Meinung?
Christine Schulz: Inzwischen muss man wohl sagen: In Deutschland klappt das nicht so gut mit der Aufklärung. Die Ängste dem Medium gegenüber sind noch immer sehr, sehr groß. Nach wie vor werden daher die Gefahren überbetont und die positiven Aspekte geraten ins Hintertreffen. Hier hat sich die Medienkompetenz also schlechter entwickelt als von uns angenommen. Vor diesem Hintergrund kann ich dann auch einen Teil der Vorwürfe, die jetzt erhoben werden, nachvollziehen.
Krawall.de: Welcher Teil ist das?
Christine Schulz: Dass man von uns verlangt, eine stärkere Vorwarnfunktion auszufüllen. Wir sind bisher davon ausgegangen, dass die Alterskennzeichnung ausreichend ist, dass unser Kennzeichen inzwischen zur Marke geworden ist, die man kennt und erkennt. Dass diese aber so wenig verstanden und auch so wenig beachtet wird, dass man auch so wenig hinschaut, was Kinder so machen, das haben wir bisher unterschätzt.
Krawall.de: Für uns besteht aber schon seit Jahren der Eindruck, dass diejenigen, die über die USK Bescheid wissen, in der Mehrzahl die Spieler sind und nicht die Eltern. Warum haben sich gerade die Hersteller, die unter verschärften Gesetzen am meisten zu leiden hätten, nicht mehr dafür stark gemacht, diese Regelung zu etablieren?
Kann noch lachen
Dem rauhen Wind, der der USK momentan entgegen wirkt, versucht die Leiterin der Einrichtung, Christine Schulz, mit Argumenten zu entgegnen.
Christine Schulz: Mit dem VUD (Verband der Unterhaltungssoftware Deutschland, Anm. d. Red.) haben wir ja in der Vergangenheit sehr gut zusammengearbeitet. Nach dessen Auflösung kam dann der BIU (Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware e.V., Anm. d. Red.). Auch die geben sich sehr viel Mühe. Allerdings haben wir das Problem, dass jede Unterstützung der USK von dieser Seite wieder das Argument stärkt, wir seien zu industrienah. Insofern ist es diskutabel, ob das wirklich Aufgabe der Industrie sein sollte.
Was viel mehr Aufgabe der Hersteller wäre, ist das Medium besser zu erklären. Eine Frage, die immer wieder an die USK herangetragen wird, ist zum Beispiel: „Warum müssen einzelne Spiele denn so brutal sein?“. Das ist eine Frage, die nicht die USK beantworten muss. Unsere Aufgabe ist es nur festzustellen: „Wie viel Brutalität ist bei diesem Medium überhaupt noch akzeptabel?“.
„Das Thema Zensur wird im Zusammenhang mit der Diskussion auf europäischer Ebene in den nächsten Jahren viel mehr in den Mittelpunkt rücken."
Völlig unabhängig vom Geschmack, wohlgemerkt, denn der ist kein Jugendschutzkriterium. Selbst wenn wir uns alle einig sind, dass bestimmte Dinge eklig sind, muss das immer noch nicht heißen, dass es einen Einfluss hat auf Verbotspraktiken. Auch über Zensur muss gesprochen werden – ein Vorwurf, der in der Öffentlichkeit viel zu wenig diskutiert wird. Bei den Spielern, ja. Aber sonst? Dieses Thema wird im Zusammenhang mit der Diskussion auf europäischer Ebene in den nächsten Jahren viel mehr in den Mittelpunkt rücken, denke ich.
Krawall.de: Nun haben Sie den Vorwurf der Industrienähe, wie ihn unter anderem auch Prof. Pfeiffer vertritt, schon selbst erwähnt. Was sagen Sie denn dazu?
Christine Schulz: Ich muss gestehen, ich habe lange gebraucht, um die Substanz zu verstehen, die dahinter steckt. Ich habe anfangs geglaubt, das ist doch leicht zu entkräften. Denn um diesen Vorwurf erheben zu können, müssten ja die Gutachter und die Tester nahe an der Industrie arbeiten. Oder die USK-Mitarbeiter unmittelbar etwas mit der Industrie zu tun haben.
Denn wer ist es denn, der über die Freigabe entscheidet? Das sind die Gutachter und der ständige Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden. Die entscheiden mit einfacher Mehrheit in den Gremien. Kein Tester und kein USK-Mitarbeiter hat je eine Altersfreigabe entschieden. Liegt der Vorwurf der Tester darin, dass sie Spieler sind? Aber die müssen doch spielen können, um ihren Job zu erfüllen. Auch Herr Pfeiffers Tester können spielen.
Natürlich ist die Industrie auch im Beirat vertreten, ja. Das sind zwei Personen von achtzehn. Die sitzen da mit Vertretern der deutschen Bischofskonferenz, von Jugendverbänden, der Kultusministerkonferenz, der Bundesprüfstelle und so weiter. Die geben insgesamt mit Mehrheit den Grundsätzen und der Prüfordnung sowie allen Änderungen in den Paragraphen ihren Stempel. Wie wir also industrienah arbeiten sollen, war mir ein Rätsel.
Herr Klingelstein wird angegriffen, habe ich gehört, als Cheftester der USK. Da kann ich nur sagen: Ich will niemals jemand anderen haben auf diesem Posten. Weil er auf seine Weise versteht, was die Industrie produziert. Und er war niemals, will ich jetzt gleich dazu sagen, im Auftrag der Industrie bei der Bundesprüfstelle. Er war im Auftrag der USK dort, um die BPjM beim Vorführen der Titel zu unterstützen, da die BPjM nicht vom Anbieter vorführen lassen möchte. Zum letzten Mal geschah dies jedoch 1996.
Letztlich sagt man noch, wir arbeiten zu eng mit der Industrie zusammen. Da sage ich: Natürlich müssen wir mit der Industrie zusammenarbeiten, zu einem gewissen Grad. Wir müssen internationalen Firmen den deutschen Jugendschutz erklären. Wir müssen vermitteln, welche Anforderungen wir haben. Wir benötigen Vorabsoftware und spezielle Konsolen, um diese abzuspielen. Wer das kritisiert, dem sage ich: Diese Form der Industrienähe ist unvermeidlich.
Krawall.de: Was Marek Klingelstein angeht, lautet der Vorwurf von Professor Pfeiffer ja, dass dieser selbst in einem Interview gesagt hat, er habe Spiele bei der BPjM verteidigt und war ehemals Praktikant bei Nintendo. Da sagt nun Pfeiffer: Wer schon auf Seiten der Industrie gearbeitet hat, kommt als Tester nicht in Frage. Nachvollziehbar?
Christine Schulz: Seine Bedenken kann ich nicht nachvollziehen. Denn bei der USK ist er ja anderen Regeln unterworfen als 1994 bei Nintendo.




