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Nach Emsdetten

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Prof. Pfeiffer im Interview

23.11.2006 | Autor: André

Bisweilen wird man als Redakteur vom Zeitgeschehen überholt. Erst Anfang November sprachen wir mit Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachen über Gewalt in Computerspielen und die Auswirkungen, die solche Darstellungen insbesondere auf junge Menschen haben – der fertige Interview-Text lag bereits kurz darauf in unserer Schublade, bereit zur Publikation. Am vergangenen Montag erschütterte der Amoklauf des ehemaligen Schülers Sebastian B. an einer Realschule im nordrhein-westfälischen Emsdetten die Republik. Aus der Kakophonie der gegenseitigen Anschuldigungen von Wissenschaftlern, Politikern, Erziehern und Beteiligten der Spielebranche klang für den aufmerksamen Zuhörer rasch ein Tenor heraus: Antworten und Konzepte hat momentan kaum einer der Redseligen.
Grund genug für uns, erneut das Gespräch mit dem Kriminologen Pfeiffer zu suchen.

Krawall.de: Nach dem jüngsten Amoklauf ist die Debatte rund um die Killerspiele erneut aufgeflammt. Zu Recht?

Prof. Pfeiffer: Das ist ein positiver Nebeneffekt dieser grässlichen Geschichte. Freilich verkürzt die Politik dies beträchtlich, denn die Verbotsforderung betrifft ja rechtlich nur Spiele, die vom Gewaltexzess her beispielsweise in die Nähe kommen von einem Pornofilm, bei dem real ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt wird und der Film anschließend für 4000 Euro ins Internet wandert. Das wird dann zu Recht vom Gesetz unter Strafe gestellt. In dieser Dimension bewegt sich unser Strafrecht, und nur wenige Computerspiele erreichen dieses abstruse Ausmaß an Brutalität. Man muss also davon ausgehen, dass die Justiz bis hin zum Bundesverfassungsgericht nicht mitspielen wird bei den Träumen der Politiker, dass dies alles verbietbar ist. Man kann es für Jugendliche unzugänglich machen, wie den normalen Pornofilm, der nicht offen im Kaufhaus ausliegt und in Zeitschriften besprochen wird. Diese Indizierungsverfahren sollten in der Tat viel öfter stattfinden. Wir müssten nur die Regelung hinsichtlich der USK ändern, denn die blockiert häufig. Der Vorteil der Indizierung ist ja auch, dass erwachsene Menschen nach wie vor Zugriff haben auf diese Spiele. Das will ich denen auch gar nicht beschneiden.

Krawall.de: Verständnisfrage: Das klingt für uns, als würden Sie einzelne Computerspiele auf einem Niveau sehen mit Kinderpornographie?

Prof. Pfeiffer: Ja. Diese Spiele sind aber gegenwärtig schon nach §131 Strafgesetzbuch strafbar. Es kommt sehr selten vor. Da wird dann Gewalt in einer Weise verherrlicht, dass die Staatsanwaltschaft zuschlägt und das Spiel vom Markt nimmt.

Diese Normen aber nun auf die Spiele anzuwenden, um die es derzeit geht – Spiele wie „Grand Theft Auto: San Andreas“ oder „Der Pate“ –, wird nicht möglich sein. Die Spiele sind von unserer Selbstkontrolle als ab 16 oder ab 18 eingestuft worden und dürfen dann nicht mehr indiziert werden. Und darin liegt das wirkliche Problem: Dass wir faktisch die BPjM seit 2003 entmachtet haben und mit der USK eine sehr industrienahe Institution an ihre Stelle getreten ist. Eine Institution, die Spiele mit Alterskennzeichen versieht, die aus unserer Sicht alle indiziert werden müssten.

Neuland
Am Kriminologischen Forschungsinstitut in Hannover beschäftigt sich Pfeiffer neuerdings mit dem Thema Gewalt und Computerspiele.


Krawall.de: Von der USK-Auszeichnung ab 18 sagten Sie uns, geht Ihrer Meinung nach eher ein Werbeeffekt aus. Von einer Indizierung nicht?

Prof. Pfeiffer: Von 6.000 Kindern, die wir befragt haben, hatten lediglich sieben bereits indizierte Spiele gespielt.


Aber 1.700 hatten bereits Spiele ab 18 gespielt. Von den 17.000 Jugendlichen, die wir befragt haben, hatten ganze 2,5% zum Zeitpunkt der Befragung indizierte Spiele gespielt. Aber Tausende waren mit Spielen ab 18 oder ab 16 zugange. Das Instrument der Indizierung ist also ein überaus wirksames.

Schockierende Bilder
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion wies Pfeiffer Anfang November auf die Gewaltintensität in Computerspielen hin.


Krawall.de: Was wäre Ihrer Meinung nach die Konsequenz daraus?

Prof. Pfeiffer: Eine vernünftige Anwendung ließe sich schlicht dadurch erreichen, dass man die USK reformiert, dass man ihr viel strengere Regeln gibt und dass man sie personell trennt von der gegenwärtigen Struktur. Sie ist nämlich maßgeblich gesteuert von Menschen, die eine große Nähe zur Computerspiele-Industrie haben.

Krawall.de: Tatsächlich untersuchen Sie derzeit mehrere Gutachten der USK auf Stimmigkeit hin, wie im letzten Beitrag von Rainer Fromm zu sehen war. Es soll dabei sogar zu rechtlichen Schwierigkeiten gekommen sein.

Prof. Pfeiffer: Zu Anfang wollte man uns die Gutachten nicht herausgeben. Wir mussten also erst eine Rechtsanwältin damit beauftragen ein Gutachten zu erstellen, dass diese Weigerung der USK rechtswidrig war. Dort wollte man die Gutachten wohl nur an Wissenschaftler herausgeben, die ihnen genehm sind. Fünf Monate hat das alles gedauert, aber jetzt ist alles geklärt, und wir haben insgesamt rund 70 Gutachten bekommen.

„Die USK ist maßgeblich gesteuert von Menschen, die eine große Nähe zur Computerspiele-Industrie haben."

Krawall.de: Mit negativem Zwischenfazit, wie zu hören war.

Prof. Pfeiffer: 30 Spiele haben wir bislang untersucht, und es ist tatsächlich so, dass wir feststellen: In den USK-Gutachten wird meist eher die grobe Linie beschrieben. In ihren Exzessen sind die Spiele meist erheblich brutaler. Wir kommen also zu der kritischen Einschätzung, ob die Zusammenarbeit zwischen Herrn Klingelstein (Marek Klingelstein ist Cheftester der USK, Anm. d. Red.) und seinen Kollegen tatsächlich die ideale Lösung ist. Insbesondere wenn man bedenkt, dass Herr Klingelstein in einem Interview folgende Angaben zu seiner Person gemacht hat:

„Ich bin Diplommedieninformatiker (Dipl.Arbeit Havok), habe ein halbjähriges Praktikum bei Nintendo hinter mir und arbeite nebenbei noch für die Stiftung Warentest. In den ersten Jahren verteidigte ich USK-getestete Spiele wie „Chaos Overlords“, „Burntime“ oder „Command & Conquer“ vor der BPjM und führte ihnen diese Spiele im Auftrag des Distributors vor.“ (zitiert aus einem Interview auf N-Page aus dem Jahre 2005)
Dass jemand, der nach eigenem Bekunden ein Fan der Computerspiele-Szene ist, selbst als Anwalt der Industrie auftrat, wenn es darum ging, Spiele vor der BPjM zu verteidigen, dass so jemand zum Cheftester und Ausbilder der übrigen Tester bestellt wird, das finde ich befremdlich. Wenn ich dann im gleichen Interview lesen muss, dass Herr Klingelstein das, was wir kritisch sagen oder was Rainer Fromm kritisch sagt, für „Schwachsinn“ hält, dann meine ich: Herr Klingelstein setzt sich nicht genügend mit den Folgen von Computerspielen auseinander.

Weil er so involviert ist, weil das sein Hobby ist, sein Beruf. Daher ist er in meinen Augen eine zu problematische Person, um Teil der Organisation zu sein, die die Inhalte feststellt und sie dann ja an die Gutachter weitergibt. Was auch ein Punkt ist. Meiner Meinung nach muss ein Gutachter das Spiel selbst zu einem großen Teil gespielt haben. Da genügt es nicht, wenn man sich, wie bei den Filmgutachtern, eine Zusammenfassung vorführen lässt, weil das einfach keinen Eindruck vom wirklichen Spielgeschehen vermittelt, in dem man so richtig „drin“ ist.

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