Rainer Fromm
Spaß am Morden
27.10.2006 | Autor: André
Krawall.de: Was bringt Sie persönlich dazu, sich mit dem Thema immer wieder zu befassen? Wurmt es sie persönlich, dass Sie hier einen Missstand sehen, und es tut sich nichts?
Krieg ist ab 18
Spiele wie „Company of Heroes" verdienen in den Augen von Rainer Fromm mit ihrer Kriegsdarstellung keine Freigabe ab 16 Jahren.
Rainer Fromm: Ganz grundsätzlich bleibe ich dabei: Gute Spiele brauchen clevere Bots, brauchen gute Maps, brauchen eine phantasievolle Spielwelt, aber sie brauchen keinen Sadismus. Das einzufordern ist auch nichts, was der Community weh tun sollte.
Das sollte auch der Beitrag in „Aspekte“ deutlich machen. Da findet sich kein kritisches Wort zu den Spielern selbst oder in Richtung eSport. Im Gegenteil, da sage ich: Das ist ein Sport, der hat viel mehr Platz in den Medien verdient als er bisher bekommt. Mich als Spieler wurmt es, dass ich immer wieder sehen muss, dass versucht wird, mit Sadismus Geld zu machen.
Krawall.de: Sie sind ja Freier Autor. Ist das Thema „Killerspiele“ ein Thema, mit dem man bei den Fernsehsendern offene Türen einrennt, das sich gut verkaufen lässt?
Rainer Fromm: Also, es ist kein klassisches Thema, wo die Sender sofort sagen würden: „Her damit!“ Es ist kein großer Quotenreißer. Auf der anderen Seite erkennen die Sender aber natürlich auch die Bedeutung von Spielen für die Sozialisation von Jugendlichen. Die Wissenschaft ist sich in puncto Wirkungsforschung inzwischen ja viel einiger als zur Zeit meiner ersten Beiträge.
Auch die neue Pfeiffer-Studie zeigt ja unzweideutig: Je brutaler die Spiele sind und je öfter diese Spiele gespielt werden, desto schlechter die Schulleistung. Das sind natürlich Zusammenhänge, die sind für einen Sender interessant. Aber dass diese Beiträge echte Quotenrenner wären, so wie das ja in manchen Foren immer wieder spekuliert wird, ist nicht gegeben. Man sieht da eher eine gesellschaftliche Entwicklung. Genau deswegen wird darüber in diversen Sendungen und Magazinen auch noch lange Zeit berichtet werden.
Krawall.de: Wie sehen denn ihre weiteren Pläne aus, was die Berichterstattung über Computerspiele angeht?
Rainer Fromm: Also, ich werde ganz sicher in der nächsten Zeit eine Dokumentation machen über Computerspiel-Sucht. Da werde ich der Frage nachgehen: Machen Spiele süchtig?
Dann – Wunder, oh Wunder! – haben sich in letzter Zeit auch verschiedene Gespräche aufgetan mit den Publishern. Ich denke daher, es kann in naher Zukunft vielleicht auch einen Beitrag geben, in dem beleuchtet wird, welche Maßnahmen die Hersteller treffen, um ihre Verantwortung am Jugendschutz wahrzunehmen.
Krawall.de: Das heißt, da tut sich bereits etwas bei den Herstellern?
Rainer Fromm: Nicht bei allen – ich wundere mich teils sehr darüber, wie unsensibel man selbst bei großen Herstellern hinsichtlich dieses Themas noch ist –, aber die Dinge sind in Bewegung. Ich sage da mal augenzwinkernd: Als aufgeschlossener Mensch schaue ich mir das an, und da ich trotz aller harten Kritik kein Dogmatiker bin und sich auch nachweislich etwas tut, dann will ich das auch transportieren.
Krawall.de: Umgekehrte Frage von oben: Das lässt sich dann auch an den Sender verkaufen?
Rainer Fromm: Ich sag mal so: Ich denke, das kommt auf den Versuch an. Ich kann natürlich nicht bestimmen, was gesendet wird. Aber ich kann Ihnen versprechen, ich biete das genauso an wie auch die kritischen Beiträge.
Krawall.de: Wie ist denn mittlerweile Ihr Verhältnis zu den Herstellern? Beim letzten Mal haben Sie noch berichtet, bei einigen Firmen seien Sie „persona non grata“ und nicht mal die Pressestelle würde noch mit Ihnen sprechen.
Rainer Fromm: Ich bin nach wie vor mit verschiedenen Herstellern im Gespräch. Mit diesen Firmen findet schon seit längerer Zeit eine überaus konstruktive Auseinandersetzung statt.
Aber es gibt auch weiterhin Hardliner, wo keinerlei Kommunikation möglich ist. Da bleibe ich dabei: Das finde ich skandalös. Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen junger Leute rezipieren diese Spiele und werden zu einem gewissen Grad durch sie sozialisiert. Das verpflichtet aus meiner Sicht dazu, sich auch mit kritischen Journalisten auseinanderzusetzen und nicht nur den Leuten von diversen Spielezeitschriften, die einem hinterher hecheln wegen des neuesten Spiels. Es kann nicht sein, dass man versucht sich Kritik vom Leib zu halten, indem man jede Aussage verweigert. Auf der anderen Seite gibt es einige Publisher, mit denen ich in Kontakt stehe und mit denen es durchaus fruchtbare Diskussionen gab.
Krawall.de: Was ist eigentlich aus ihrem Film zum Thema eSport geworden, den Sie bei unserem vorigen Gespräch erwähnt hatten?
Rainer Fromm: Der ist gekommen, für die Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen. Darin habe ich zum einen auch Kritik geäußert – Stichwort: Wirkungszusammenhänge –, es wurde aber auch der eSport als solcher sehr positiv dargestellt und die sportliche Leistung ausdrücklich anerkannt. Ich denke, ich habe in diesem Film mit der gleichen Deutlichkeit, mit der die Wirkungszusammenhänge von Gewalt dargestellt wurden, auch die Begeisterung für den eSport rübergebracht. Das haben auch die Reaktionen der Veranstalter gezeigt, von denen ich erst heute morgen noch Emails bekommen habe. Dazu denken wir über weitere Projekte nach.
Krawall.de: Was unsere Leser immer wieder an Ihren Beiträgen stört, ist die verkürzte Darstellung von Sachverhalten. Bei „GTA“ heißt es dann: „In diesem Spiel werden Rentner und Frauen totgeschlagen“, als ob dies der einzige Spielinhalt wäre.
Rainer Fromm: Gut, wie lang war dieser „Aspekte“-Film jetzt? Ich glaube, unter fünf Minuten. Im Magazinjournalismus ist es einfach nicht möglich, ein Spiel in vollem Umfang zu respektieren. Allerdings gebe ich zu, dass ich da aus Spielersicht vielleicht zur Verkürzung neige, denn ich muss sagen: Wenn ich wie in „GTA“ die Möglichkeit habe, mit einer Kettensäge Passanten zu töten, mit einer Schaufel Frauen tot zu schlagen – da kann ich mich doch nicht allein darauf zurückziehen, was den Spieler nach vorne bringt, sondern ich muss einbeziehen: Was ist im Spiel möglich? Und da ist es so: Bei aller Findigkeit, die man „GTA“ ja zurechnen muss – ich finde die Musik scharf, ich finde die Stadt stilvoll –,ist das, was im Spiel möglich ist, einfach unterhalb jeder Gürtellinie. Da geht von meiner Seite aus die Frage an den Publisher: Warum braucht man bei so einer tollen Stadt, bei solch einer starken Geräuschkulisse eine Kettensäge, um Passanten zu ermorden?
Krawall.de: Was denken Sie denn, warum?
Rainer Fromm: Das ist die entscheidende Frage. Warum brauchen hervorragende, hochambitionierte Spiele diese Gewalt? Ich weiß es ja von meinen eigenen Kunden: „GTA“ ist eine Spielserie, die fasziniert Jugendliche, die fasziniert Kids und das auch zu Recht. Aber wieso dieses Übermaß an Brutalität in so tollen Spielen? Ich versteh’s nicht.
Krawall.de: In Ihren Gesprächen mit den Politikern haben Sie doch bestimmt einen Eindruck gewinnen können, wohin die Reise geht, was Jugendschutz in Deutschland anbelangt. Was ist Ihre Prognose?
Killerspiele
Spiele wie „Hitman" gehören mit ihrem brutalen Spielinhalt für viele Kritiker verboten. Jedoch werden diese Inhalte oft reduziert wiedergegeben.
Rainer Fromm: Also, da muss ich passen, ich weiß es überhaupt nicht. Man weiß ja, es ist allein schon eine Unsicherheit da bei der Definition „Was ist ein Killerspiel?“. Ist das möglicherweise „Gotscha“, oder sind damit auch Computerspiele gemeint? Es zeigt sich deutlich, dass die Politik im Moment überhaupt keine einheitliche Meinung zu diesem Thema vertritt. Insofern bin ich überfragt. Herstellungsverbote halte ich wie gesagt für kaum durchsetzbar. Insofern wird wohl eher geprüft werden, ob man nicht wieder zu stringenterem Vorgehen übergeht, was Indizierungen angeht.



