- Kane & Lynch: Dead Men
-
-
-
- Publisher: Eidos
- Entwickler: IO Interactive
- Genre: Actionspiel
- Release: 23.11.2007
Leichen pflastern ihren Weg
04.12.2007 |
|
Autor: Frank
Für die Staatspolizei in Kalifornien sollte es eigentlich ein ruhiger und routinemäßiger Tag werden, schließlich führt man im Jahr Hunderte von Gefangenentransporten durch, und auf dem Weg zur Hinrichtung gab es bisher noch nie irgendwelche Probleme. Das einzige Hindernis auf der Strecke sind vielleicht Demonstranten, die gegen die Todesstrafe protestieren, aber damit dürfte man fertig werden. Ein Restrisiko, dass auf der Transportstrecke irgendetwas Ungeplantes passiert, bleibt zwar immer bestehen, doch deswegen begleiten ja auch ein paar Streifenwagen und bewaffnete Sicherheitskräfte die Insassen auf ihrer letzten Fahrt. Das Schicksal der beiden Todeskandidaten scheint also besiegelt, als sie in den Transporter geführt werden und darin Platz nehmen müssen. Adam Marcus ist einer der beiden Fahrgäste und hat einiges auf dem Kerbholz. Unter dem Namen Kane hatte er als brutaler Söldner für eine Geheimorganisation namens „The Seven“ gearbeitet und etliche Leben auf dem Gewissen. Der andere Fahrgast trägt den Namen James Seth Lynch und ist keinen Deut besser, schließlich wurde er selbst als paranoider Schizophrener wegen Mordes zum Tode verurteilt. Lynch sieht dem Weg zur Hinrichtung jedoch gelassen entgegen, schließlich ist er darin eingeweiht, dass dies kein normaler Gefangenentransport wird.
Prison Break
Es wird ein schwarzer Tag für die Polizei, als der Transporter nahe dem Flughafen gerammt wird und eine Gruppe maskierter Söldner mit Maschinengewehren das Feuer eröffnet. Als die ersten Feuersalven die Luft durchpeitschen, beginnt die große Stunde von „Kane & Lynch“. In der Haut von Kane erwachen wir benommen und sehen, wie sich Lynch befreit und einer am Boden liegenden Wache das Gewehr entreißt. Mit der Waffe zerschießt er unsere Ketten, und langsam torkeln wir in eine nahe Seitenstraße. Auf der anschließenden Flucht lernen wir dann nicht nur die Steuerung des Spiels kennen, sondern stellen auch fest, dass IO Interactive voll und ganz auf eine actionreiche Inszenierung setzt und diese gekonnt abliefert. Während ständig Polizeieinheiten aus allen Richtungen anrücken und ein Helikopter über uns kreist, kommt aufgrund der packenden Feuergefechte schnell eine meisterliche Atmosphäre auf. Von einem toten Polizisten nehmen wir dann auch rasch eine Waffe auf und merken schnell, dass das Zielen und Schießen deutlich besser von der Hand geht, als dies in der Preview-Version der Fall war. Stehen wir dicht an einer Wand, geht unsere Spielfigur automatisch in Deckung und kann aus einer deutlich sichereren Position das Feuer auf die anrückenden Spezialkräfte der Polizei eröffnen, die uns nach wenigen Minuten einkreisen wollen. Der Trupp aus Kane, Lynch und den Söldnern erreicht alsbald nämlich einen verlassenen Diner, wo wie in ein heftiges Feuergefecht verwickelt werden und auf den Fluchtwagen warten müssen, der verspätet eintrifft. Unter heftigem Beschuss rennen wir dann aus der sicheren Deckung zum ankommenden Transporter, und an dieser Stelle übernimmt eine der vielen Zwischensequenzen die Kontrolle über das Schicksal von „Kane & Lynch“. Beide werden in eine Baustelle geführt, wo „The Seven“ sie bereits erwartet.
Späte Rache
Die Anführer der Söldnerorganisation sollten eigentlich tot sein, doch dummerweise erfreuen sie sich bester Gesundheit und haben noch eine Rechnung mit Kane offen, denn er habe sie nicht nur verraten, sondern auch noch beraubt. Und so wird ein Ultimatum gestellt: Kane muss die gestohlene Beute wiederbeschaffen, oder seine Frau und Tochter werden umgebracht; da ihm seine Tochter das Wichtigste in seinem verkommenen Leben ist, geht er auf den Deal ein. Fortan müssen wir gemeinsam mit Lynch die verschwundene Beute besorgen, und so verüben wir im Spielverlauf einen eindrucksvollen Bankraub und legen uns mit der Yakuza an.
Hollywood lässt grüßen
Fraglos wird die Action in „Kane & Lynch“ gut in Szene gesetzt und erinnert mitunter an Hollywood-Filme.
Dabei sind die einzelnen Aufträge durchaus abwechslungsreich, jedoch ist das Spiel absolut linear aufgebaut, und es gibt in der Regel nur einen Weg, wie wir vorgehen können. Anders als in „Hitman“ hat man nicht die Freiheit, eine Mission auf unterschiedliche Art und Weise zu erledigen, und statt ruhigen Stealth-Phasen oder der langwierigen Erkundung von Gebäuden stürmt man mit gezogener Waffe stets direkt vor und scheut dabei auch nicht vor Kollateralschäden zurück. Wenn eine Kugel einmal unschuldige Zivilisten trifft, wird man als Spieler nicht bestraft, und wir wollen gar nicht erst wissen, wie viele Hundertschaften an Ordnungshütern uns im Spielverlauf vor die Flinte gelaufen sind. Ohne jeden Zweifel richtet sich „Kane & Lynch“ an ein erwachsenes Publikum und dürfte in den falschen Händen frisches Öl in die feurige Diskussion über Gewalt in Computerspielen gießen.
Unterschiede zwischen der englischen und deutschen Fassung konnten wir dabei keine feststellen, lediglich die Synchronisation kommt auf Deutsch deutlich harmloser herüber. Während Kane und Lynch im Original prägnante Stimmen haben, die keinesfalls vor derben Kraftausdrücken und Streitereien zurückschrecken, klingen sie hierzulande merklich sanfter, und auch das böse F-Wort fällt nicht in jedem dritten Satz. Außer einer Wendung ist dann auch die Story relativ überschaubar und vorhersehbar, doch dem Spielgenuss tut dies keinen Abbruch. Der Spielspaß wird maßgeblich von der packenden Stimmung und Inszenierung getragen, und so genießt man selbst eine gescheiterte Geiselübernahme oder die Erstürmung eines Gefängnisses. Neben Lynch stehen uns im Spielverlauf dann auch noch andere Verbrecher zur Seite, die wir mit einfachen Befehlen auf Feinde und durch die Gegend hetzen dürfen.
Gut, aber nicht gut genug
Obwohl das Spiel weder spielerisch noch technisch versagt, fehlt es überall am letzten Schliff. Zum Top-Titel reicht es somit nicht.
Die Intelligenz der NPC-Freunde und der Feinde ist jedoch herbe beschränkt, so dass man keine Meisterleistungen in Sachen Kampfverhalten erwarten sollte. Es ist dann auch keine Seltenheit, dass sich Gegner nur halb in Deckung begeben oder man sie problemlos umgehen kann, um ihnen dann eine Kugel in den Rücken zu jagen.
Eine Hand voll Drogen
Als treuer Partner und Begleiter entpuppt sich Lynch, der uns, falls wir zu viele Kugeln verpasst bekommen, mit einer Spritze Adrenalin wieder auf die Beine hilft. Fallen wir jedoch zu oft im Kugelhagel zu Boden oder erreicht uns der Gefährte nicht rechtzeitig, segnen wir das Zeitliche und dürfen ab einem der gut liegenden Speicherpunkte erneut unser Glück versuchen. Im Spielverlauf entsteht zwischen dem ungleichen Paar schnell eine Art Freundschaft, aber trotzdem dürfen wir uns ständig über Streitereien und bissige Sprüche zwischen Kane und Lynch freuen. Lynch ist dabei jedoch ein besonderer Problemfall, weil er aufgrund seiner psychischen Störungen andauernd Pillen schluckt, um nicht völlig durchzudrehen. Schon in der dritten Spielmission erlebt Kane, dass Lynch in einem Blackout eine Gruppe Geiseln umbringt, und es ist dann auch kein Wunder, dass die drei Schwierigkeitsstufen im Spiel Aspirin, Kodein und Morphium heißen. Unterscheiden tun sich die Stufen vor allem in der Anzahl und Treffergenauigkeit der Feinde, und man muss anmerken, dass manche Missionen selbst auf der niedrigsten Stufe ihre Frust-Momente besitzen. Von der Spielgrafik wird man letztlich auch nicht berauscht, denn hier finden wir nur eine überarbeitete Version der „Hitman“-Engine wieder. Manche Abschnitte und Räume wirken recht steril, und atemberaubende Effekte sollte man lieber nicht erwarten. Gerade Explosionen sind sehr farb- und kraftlos, und in Massenszenen wie z.B. in einem Tokioter Nachtclub, wo mehrere Hundert Spielfiguren tanzen und feiern, kann man auf große Distanz schon mal einzelne Polygone zählen. Generell gilt, dass „Kane & Lynch“ umso besser aussieht, je näher man an den Feinden dran steht, was jedoch tödlich enden kann. Die Framerate bricht zwar nur sehr selten ein, doch einige Clippingfehler und ein übertriebener Einsatz des Weichzeichners bremsen den eh schon geringen Grafikspaß.
Treue Partnerschaft
Die grafischen Defizite macht „Kane & Lynch“ jedoch durch seinen packenden Mehrspieler-Modus fast schon wieder gut. Per Splitscreen können zwei Personen in die Haut von Kane und Lynch schlüpfen und die Kampagne gemeinsam bestreiten, was trotz des begrenzten Sichtradius’ gehörigen Spaß macht und nur mit einem zusätzlich angeschlossenen Gamepad möglich ist. Besondere Aufmerksamkeit hat der Modus „Fragile Alliance“ verdient, der auf innovative Art und Weise zwischen vier und acht Spieler online miteinander verbindet, was aber nur mit einem Live-Account möglich ist. Hat man diese Farce von Microsoft hinter sich gebracht, kann man als Söldnertrupp in vier unterschiedlichen Missionen Raubüberfälle verüben und gemeinsam Beute sammeln. Friendly Fire spielt dabei eine zentrale Rolle, denn jederzeit kann man seine Mitspieler verraten und umbringen, wodurch man selbst mehr Beute erhält und auch mit weniger Kollegen teilen muss. Ständig muss man somit seine Partner im Auge behalten und sich gegenseitig belauern, da derjenige siegt, der am Ende das meiste Geld zum Fluchtfahrzeug gebracht hat. Verräter haben es aber nicht unbedingt leichter, denn fortan sind sie aus dem Söldnertrupp ausgeschlossen und quasi Freiwild. Wird man durch einen Verräter getötet, nimmt man als Polizist an dem Kampf teil und muss Söldner und Verräter ausschalten. Als Ordnungshüter bekommt man dabei einerseits Finderlohn für die geborgene Beute und andererseits ein Kopfgeld, falls man denjenigen ausschaltet, der einen zuvor umgebracht hatte. Andere Spielmodi gibt es zwar nicht, doch gerade die brüchige Allianz greift die gelungene Stimmung des Spiels perfekt auf; aber schon bald wünscht man sich mehr Variationsmöglichkeiten beim Mehrspielerkampf. Ein wahrer Krampf ist dann auch, dass man nicht frei speichern kann, sondern wie auf der Konsole mit fixen Checkpoints leben muss.



