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Es ist was faul in Mittelerde

16.01.2009 | PC | Autor: Nils Ehring

Seitdem Electronic Arts die Spiel-Lizenz zum „Herr der Ringe“-Film besitzt, wurden zahlreiche Titel herausgebracht, die das packende Fantasy-Abenteuer wiederkäuen. Man muss das Eisen eben so lange schmieden, wie es heiß ist. Jetzt ist mit „Herr der Ringe: Die Eroberung“ aus der Entwicklerschmiede Pandemic das gefühlt zwanzigste Spiel erschienen, das sich auf Jacksons Filmepos bezieht. Dabei handelt es sich, ganz in der „Herr der Ringe“-Tradition, um ein Spiel, das man mit Gefährten genießen sollte. Doch selbst an der Seite von Verbündeten sorgt das Mittelerde-Battlefront nicht gerade für eine Mordsgaudi.

In insgesamt zwei Kampagnen könnt ihr entweder im Alleingang oder mit Freunden nochmals die bekanntesten Schlachtfelder des Filmepos und des Romans besuchen. Dabei ist es euch überlassen, ob ihr auf der Seite der Guten die Zerstörung des einen Rings tatkräftig unterstützt, oder ob ihr mit Sauron Mittelerde unterjocht. Beide Kampagnen bieten nicht gerade eine stringente Handlung. Die „Herr der Ringe“-Story fungiert eher als blasser Hintergrund. Der Spieler wird mit kurzen Sequenzen aus Jacksons Filmen von einem Schlachtgetümmel ins nächste geworfen. Somit kommt zwar die nötige Tolkien-Atmosphäre auf, aber eine Identifikation mit den unterschiedlichen Spielfiguren, egal ob bekannte Helden oder No-Names, will nicht wirklich entstehen. In der Kampagne auf der bösen Seite taucht man in ein Alternativszenario der „Herr der Ringe“-Geschichte ein: Frodo hat die Zerstörung des Rings vergeigt, und das unscheinbar wirkende Stück Metall ist in die Hände Saurons gefallen. Der Spieler darf in die unästhetischen Leiber von Orks, Trollen und Uruk-Hais schlüpfen und manchmal sogar als Sauron oder Balrog Mittelerde umkrempeln. Die böse Kampagne ist nicht von Anfang an verfügbar, sondern kann erst nach dem erfolgreichen Durchspielen mit der guten Seite in Angriff genommen werden.

Mittelerde-Battlefront
Egal auf welche Seite ihr euch begebt, während der Gefechte kommt eine eher kümmerliche Hack-and-Slay-Stimmung auf. Zwar ist die Steuerung recht leichtgängig, aber es gibt kaum Kombo-Möglichkeiten. Somit kloppt, schießt und zaubert ihr euch auf recht beschränkte Art und Weise durch Mittelerde. Das Spielprinzip von „Die Eroberung“ erinnert stark an die Battlefront-Reihe: In den Kampagnen nehmt ihr in urtypischer Capture-the-Flag-Manier Basen der Gegner ein, zerstört ihr Kriegsgerät oder müsst gerade eroberte Punkte gegen Heerscharen von Feinden verteidigen. Am Ende eines Levels warten dann Endgegner vom Kaliber eines Balrog oder Sauron auf die Spieler.

Auf der Seite der Guten und Bösen stehen euch vier unterschiedliche Klassen zur Auswahl, mit denen ihr euch ins Getümmel stürzen dürft. Die Charaktere können nicht jederzeit gewechselt werden, sondern nur an eroberten Flaggenpositionen oder speziellen Statuen auf dem Schlachtfeld. Neben den unbekannten Helden darf der Spieler noch in die virtuellen Hüllen von beispielsweise Isildur, Gimil oder Gandalf schlüpfen. Ab und zu steht euch, je nach Fraktion, noch ein Höhlentroll oder ein Ent zur Verfügung, mit dem ihr den Gegnern den Garaus machen könnt. Einige Schauplätze haben sogar Mittelerde-typische Reittiere wie Pferde oder Wargen im Angebot.

Unkontrollierte Wut
Einige der Spezialangriffe sind nur schwer zu kontrollieren. Hier unser Held beim Schlagen und Abstürzen.

Die possierlichen Tierchen lassen sich allerdings eher schwerfällig steuern, und man hat das Gefühl, wie ein Affe auf einem Schleifstein durchs Getümmel zu reiten.

Alle Standardcharaktere besitzen drei verschiedene Angriffstechniken. Nach einigen erfolgreichen Treffern lassen sich Spezialattacken entfachen, welche die Gegnerscharen noch schneller ins Totenreich katapultieren. Der Kerl fürs Grobe, der Krieger, hastet dann beispielsweise mit lodernder Klinge von einem Schergen zum nächsten. Der Bogenschütze kann vergiftete, brennende oder gleich mehrere Pfeile gleichzeitig abfeuern.

Der Späher, quasi der Sam Fisher von Mittelerde, rückt seinen Feinden hinterrücks mit Tritten und Messern zu Leibe. Seine Spezialattacke lässt ihn unsichtbar werden. Mit dieser Technik kann er die Kontrahenten unbemerkt von hinten meucheln. Ein Magier darf in einem „Herr der Ringe“-Spiel natürlich auch nicht fehlen. Er schlägt beim In-Fight die Gegner mit seinem Zauberstab in die Flucht, schockt gleiche mehrere Schergen mit Blitzwellen oder malträtiert sie mit einer Feuerwand.
Leider lässt sich nicht jede der kraftvollen Spezialattacken gut kontrollieren. Besonders die Wutausbrüche des Kriegers sind schwer zu bändigen. Wenn er wie ein wildgewordener Pogo-Tänzer auf einem Punk-Konzert mit brennendem Schwert durch die Menge holzt, lässt er sich kaum noch steuern. Das sorgt gerade auf engem Raum und in der Nähe von tiefen Abhängen für Frust.

In Reih und Glied
Auf diesem Bild kann die eintönigen Animationen der Gegner erahnen. Alle holen zum gleichen Hieb aus.

In den Minen von Moria stürzte die Figur häufig vor lauter Rage einfach in die Tiefe, und wir durften vom letzten Checkpoint aus noch mal beginnen. Eine große Mitschuld an derartigen Frustmomenten trägt vor allem die ungenaue Kamera. Euch stehen zwei verschiedene Perspektiven zur Verfügung: eine nahe und eine distanzierte. Die erste Sicht klebt am Helden wie eine Klette und bietet kaum die nötige Übersicht während der Schlacht. Die weit entfernte Perspektive liefert einem zwar eine weitaus bessere Sicht auf das Kampfgeschehen, aber dummerweise zoomt die Kamera auf engem Raum automatisch an den Helden heran. Dabei verheddert sie sich schon mal in Objekten oder zeigt nur noch einen Bruchteil der Auseinandersetzungen. Für besondere Ausraster sorgt schließlich noch das quasi nicht vorhandene Speichersystem. Wer gegen Ende einer Mission keine Leben mehr übrig hat, darf den ganzen Level noch mal von vorne beginnen.

Jenseits von Gut und Böse
Mit derartigen Mankos muss man auch in den Multiplayer-Gefechten rechnen, denen ihr übrigens nur beitreten könnt, wenn ihr euch ein EA-Konto erstellt habt. Die Anzahl der Spielmodi ist nicht gerade bahnbrechend: Neben dem typischen Conquest-Modus tummeln sich noch zwei Team-Deathmatch-Varianten (eine mit den Standardklassen und eine mit den Helden der Saga) und der so genannte Finde-den-Ring-Modus. Hierbei müssen die zwei achtköpfigen Parteien den sagenumwobenen Ring an sich reißen und an einen speziellen Ort transportieren, um Punkte zu sammeln. Für wenigstens ein bisschen Spielspaß sorgen nur diese Spielvariante und der Conquest-Modus, da hier wenigstens teilweise eine gewisse taktische Herangehensweise möglich ist. Die Team-Deathmatch-Gefechte arten relativ schnell zu einem chaotischen Gekloppe auf engem Raum aus, bei dem die Übersicht ungefähr so schnell flöten geht wie unsere Aufmerksamkeit bei der letzten Jahresansprache von Peschke.

Die visuelle Qualität der unterschiedlichen Spielumgebungen liegt jenseits von Gut und Böse. Während die Minen von Moria mit ihren düsteren Gängen und ihrem morbidem Ambiente zumindest ansatzweise Erinnerungen an den Film wachrufen, wirken fast alle anderen Schauplätze blass. Minas Tirith mit seinen faden grauen Texturen schaut sehr detail- und abwechslungsarm aus der Wäsche. Auch das Auenland hat schon mal bessere Tage gesehen. Das dortige Schlachtfeld ist umzäunt von lieblos gestalteten Baumreihen, und die einzelnen Gehöfte legen ein eher eintöniges Design an den Tag. Die Animationen entsprechen gelinde gesagt auch nicht der Güteklasse A. Sowohl die Anhänger der guten als auch die der bösen Seite bewegen sich unnatürlich und schlaksig. Apropos Gegner: Des Öfteren konnten wir deftige KI-Aussetzer bestaunen. Teilweise blieben Uruk-Hais und Orks urplötzlich direkt vor uns stehen und blickten motivationslos ins Leere wie Manisch-Depressive. Wesentlich besser kommt teilweise die Tonspur von „Die Eroberung“ daher. Das Herz von „Herr der Ringe“-Fans dürfte bei jedem Klang des pompösen und allseits bekannten Film-Soundtracks höher schlagen. Lediglich die Kommentare der Kameraden während der Gefechte zerren an den Nerven wie schreiende Babys. Die Mitstreiter verfügen nicht gerade über einen großen Wortschatz und brüllen wie Fußball-Kommentatoren bei Kreisklassen-Spielen ständig das gleiche Kauderwelsch aufs Schlachtfeld.

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