"Finger weg, Schwuchtel!"
Wie ein Film mit Untertiteln
08.08.2012 | Autor: André
Tatsächlich habe ich vor kurzem erst einen sehr interessanten Artikel gelesen. Darin ging es darum, dass Spieleentwickler dem Irrtum erliegen ihre primäre Zielgruppe bestehe eben vorwiegend aus jungen, weißen, heterosexuellen Männern. Die haben irgendwann gedacht: „Oh, Spiele mit nackten Weibern verkaufen sich gut, also muss das unsere Zielgruppe sein“. Und weil sie schon seit Jahren auf Basis dieser Annahme ihre Inhalte produzieren, trifft das inzwischen auch zu. Doch in Wahrheit ist die Spieler-Community extrem vielfältig. Es gibt viele Frauen, viele Farbige, viele Schwule und so weiter, die alle gern spielen. Erst jetzt beginnen das einige Firmen aber wirklich zu begreifen. Meine Hoffnung ist, dass wir gerade an dem Punkt sind, an dem die alten, eingefahrenen Sichtweisen beginnen umzukippen, so dass wir in Zukunft eine größere Vielfalt auch unter den Spielehelden sehen.
Andre: Wenn wir die Theorie aus dem Artikel als richtig annehmen, bedeutet das nicht auch, dass die Spieler-Community, die sich um diese ganzen Testosteron-Titel gebildet hat vielleicht insgesamt sogar schwulenfeindlicher ist, als der Durchschnitt?
Benjamin Williams: Das ist eine interessante Frage. Vor kurzem erst hat mich auch jemand anders aus der Industrie gefragt: „Wenn man eine Stichprobe von 100 Spielern mit 100 Leuten vergleicht, die zufällig auf der Straße ausgewählt wurden, sind die Spieler dann weniger tolerant gegenüber Homosexualität?“. Aber ich glaube ehrlich nicht, dass das der Fall ist. Ich glaube nicht, dass es da einen Unterschied in der Geisteshaltung gibt. Was der Schwulen-Community im Mainstream zu mehr Akzeptanz verholfen hat ist einfach, dass sie heute viel sichtbarer ist als früher. Sobald sich die „Gaymer“ nicht mehr verstecken, wenn sie sichtbarer werden, wird sich das schnell ändern. Es ist eine Beobachtung, die wir alle kennen und auch von wissenschaftlicher Seite erwiesen: Sobald jemand homosexuelle Personen in seinem Freundes- oder Bekanntenkreis hat, ändert sich seine Einstellung fast immer zum Positiven. Die Leute sehen einfach: „Oh, du bist ein ganz normaler Mensch, wie ich auch. Du bist einfach nur eine Person, wie jeder andere“. Danach können sie sich oft gar nicht mehr erklären, warum sie jemals Vorbehalte hatten.
Eines der Vorzeigespiele, was die Darstellung von homosexuellen Beziehungen angeht, ist nach wie vor Biowares "Dragon Age".
Andre: Damit dieser Effekt eintreten kann, müssten nun aber auch heterosexuelle Teilnehmer kommen. Nur könnte ich mir vorstellen, dass gerade der mit Vorurteilen behaftete junge Mann sich sehr schwer tut, auf die „GaymerCon“ zu gehen, aus Angst, dass ihn seine Freunde bis ans Lebensende verarschen. Plant ihr irgendetwas, um dieser Sorte Mensch die Teilnahme zu erleichtern.
Benjamin Williams: Nein, bisher nicht. Das ist auch nicht unser primäres Ziel. Die heterosexuellen Spieler sind gern eingeladen auch zu kommen.
Aber sie haben bereits ihre Messen. Wir werden uns daher nicht speziell nach ihren Wünschen ausrichten. Ich denke auch es ist wichtiger, diesen sicheren Hafen zu schaffen. Hier können die Leute unter Gleichgesinnten sein und überhaupt erst das Selbstvertrauen entwickeln, um später in ihrer normalen Umgebung zu sagen: „Jawohl, ich bin schwul und ein Spieler“.
Natürlich haben mich schon einige Leute gefragt: „Was braucht ihr eine eigene Convention? Kommt doch einfach zur PAX? Warum isoliert ihr euch?“. Und das tue ich, ich gehe zur PAX, die ist super.
Benjamin samt Ehemann auf der letztjährigen PAX: 'Es ist super, aber du weißt, niemand hatte dich im Sinn, als das gemacht wurde'.
Aber man muss verstehen, worum es hier geht: Wir wollen eine Messe, auf der sich schwule Spieler willkommen fühlen können. So toll die E3 und PAX und die anderen Messen auch sind, wenn du da hin gehst dann weißt du genau: „Ich bin nicht die Zielgruppe“. Du siehst die ganzen Booth-Babes, du siehst Statuen von halbnackten Frauen, du siehst Panzer und Waffen und dergleichen. Du siehst einfach an jeder Ecke, dass diese Veranstaltung eine völlig andere Zielgruppe im Sinn hat, auf die sie ausgerichtet wurde. Und letztlich führt das dazu, dass du dich fühlst als hättest du dich heimlich auf diese Messe geschlichen, auf der du eigentlich nichts zu suchen hast.
Andre: Das heißt, auf der GaymerCon wird es keine Booth-Babes geben?
Benjamin Williams: Wenn die Aussteller Booth-Babes mitbringen wollen, dann sollen sie. Wir wollen da nicht jede Kleinigkeit festlegen. Aber wir überlegen, ob wir nicht sagen: „Wenn ihr Booth-Babes mitbringt, dann müssen sie beide Geschlechter abdecken“, oder dergleichen.
Andre: Werdet ihr bei der Auswahl der Spiele Vorgaben machen?
Benjamin Williams: Wir haben in dieser Hinsicht noch keine Entscheidung getroffen, aber ich denke nicht. Wenn ein Entwickler kommt und dort ein Spiel voller nackter Frauen mit dicken Titten zeigen will, nur zu. Wir wollen ja auch gerade den Dialog mit den Entwicklern. Und manchmal ist es auch gar nicht so einfach, eine genaue Linie zu ziehen. Ich liebe zum Beispiel das Spiel „Bayonetta“, obwohl es vermutlich das frauenfeindlichste, sexistischste Spiel aller Zeiten ist.
Andre: Allerdings in so trashiger, überzogener Art, dass man es wieder nicht richtig Ernst nehmen mag…
Benjamin Williams: Stimmt genau. Ich persönlich habe mir außerdem einfach immer vorgestellt, Bayonetta sei ein Kerl. Für mich war es das erste Spiel, mit einer Drag-Queen als Hauptdarstellerin. Das passt perfekt. Bayonetta ist solch eine Parodie auf übersteigerte, hyper-sexualisierte Weiblichkeit – und genau das ist eigentlich auch Drag, eine Parodie auf das, was die Gesellschaft für den Inbegriff von Weiblichkeit hält.



