- Dracula: Origin
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Jungfrau al dente
18.04.2008 |
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Autor: Martin Weber
Deep Silver verlegt unter anderem die mysteriöse Point’n’Click-Reihe „Sherlock Holmes“. Und weil es sich die Leute in diesem Genre damit schon richtig gemütlich gemacht haben, bleiben sie auch gleich dort. Im Sommer knirscht dann das Gebälk, die Sargdeckel erheben sich und lassen allerlei nocturne Albträume auf die Spieler los. Anfangs bleibt man zwar dem Schauplatz London treu, wo einst auch der Meisterdetektiv mit Pfeife und Mütze seine Fälle zu lösen pflegte. Doch die Stadt an der Themse hat noch mehr berühmte Rätselknacker zu bieten. Professor Van Helsing zum Beispiel, der wohl berühmteste Vampirjäger der ernstzunehmenden Literatur. Der heldenhafte Akademiker entsprang eigentlich der Feder Bram Stokers, des geistigen Vater des Vampirgenres. Zwar ist der Glaube an diese bleichen Blutsauger älter als der Roman, aber „Dracula“ wurde zu einem Bestseller.
Vampirjagd
In der Rolle des Professors Van Helsing begebt ihr euch auf die Suche nach Dracula. Verschiedene Länder werden bereist.
Er stellte Vampire dar, wie wir sie heute kennen: aristokratisch, mit affektiertem Gehabe, ausgestattet mit der Fähigkeit, sich in Wolf oder Fledermaus verwandeln zu können, und einem Gebiss mit langen, spitzen Eckzähnen. Mit Stoker kamen auch die gängigen Abwehrwaffen auf, die üblicherweise gegen die Untoten helfen sollen: Knoblauch, Kruzifix und spitze Holzpfähle sind mittlerweile in jeder Vampirstory ein probates Mittel gegen einen Angriff aus dem Dunkel. Bis heute sind unzählige Filme entstanden, in denen sich zuvorderst zwei Darsteller hervorgetan haben. Die Namen Christopher Lee und vor allem Béla Lugosi sind mit der durstigen Durchlaucht untrennbar verbunden, auch wenn Gary Oldman mit seiner Interpretation der Vorlage am nächsten kam. Eines hat der alte Stoker-Schinken aber zweifelsfrei erreicht: Seit 1897 begeistert er immer wieder die Leser, inspiriert die Film- und Musikindustrie und sucht immer wieder die Computer- und Videospielwelt heim.
Vorsicht, bissiger Graf
Daheim in London brütet Professor Van Helsing über seinen Studien. Der kauzige alte Gelehrte beschäftigt sich mit den Mächten des Lichts und mit Strategien, wie man diese im Kampf gegen die Wesen der Finsternis einsetzen kann. Eine Depesche reißt ihn aus seinen Aufzeichnungen. Der junge Jonathan Harker, einst sein Schüler, bittet ihn um Hilfe. Er befindet sich im rumänischen Siebenbürgen, auf dem Schloss des Grafen Dracula. Eigentlich hat er mit diesem ein Verkaufsgespräch führen wollen, denn der Edelmann beabsichtigte, in London einen Wohnsitz zu erwerben. Nun aber sitzt er dort als Gast fest, fühlt sich jedoch wie ein Gefangener, denn bestimmte Trakte darf er nicht betreten, und den Gastgeber bekommt er kaum zu Gesicht. Zumindest nicht am Tage. Als Jonathan auch noch ein gesteigertes Interesse Draculas an seiner Verlobten Mina feststellt dämmert ihm, dass er keinen Menschen vor sich hat, sondern ein dämonisches Wesen, das sich vom Blute unschuldiger Opfer ernährt – also einen Vampir.
Und das ihm, wo er doch im Grunde nur das Leben eines Immobilienmaklers führen will. Hätte er Aufregung und Action gewollt, wäre seine Berufswahl wohl eher auf einen Redakteursjob bei Krawall gefallen. Harker beschleicht zudem der Verdacht, dass sich der ruchlose Rumäne nach London aufgemacht hat, um Mina zu seiner blutleeren Gespielin zu machen. Wie gut, wenn man dann Menschen wie Van Helsing kennt, der sich nach diesem Brief natürlich sofort in Bewegung setzt. Seine Nachforschungen führen ihn unter anderem quer durch London, Wien und letzten Endes auch nach Transsylvanien. Dort kommt es dann ab Juni 2008 zum Gefecht gegen die Mächte des Bösen, wenn es sich der Graf statt in einem Sarg in den Ladenregalen der Videospielabteilungen heimelig macht.
Auf dem Friedhof nachts um halb eins
Als klassisches Point’n’Click steuert man Van Helsing über zahlreiche Schauplätze. In London löst man beim Abendspaziergang auf dem Friedhof einige mehr oder weniger knifflige Rätsel, um beispielsweise Zugang zu einer Gruft zu erhalten. Unsere Testversion endet dann auch mit dem Einstieg in das Haus, in dem der Vampir mit seinen Helfern vermutet wird. Die Rätsel strotzen nicht gerade vor Erneuerungswut. Dafür funktionieren sie immer noch ziemlich gut. Man muss sich durch Berge von Schriftstücken wälzen, um die richtigen Anhaltspunkte zu finden. Das hat schon etliche Male vorher gut geklappt und versagt auch hier seinen Dienst nicht. Allerdings ist es recht anstrengend, immer genau auf das zu achten, was den nächsten richtigen Hinweis enthält.
Alte Adventurehasen mit einem gerüttelt Maß an Geduld wird das freilich nicht schrecken. Die gestellten Aufgaben setzen sich aus Footwork zusammen und sparen auch nicht mit mechanischen Logik- und Schiebearbeiten. Über eine deutsche Synchronisation kann noch keine Aussage getroffen werden. Diese lag in unserer Fassung noch nicht vor. An Untertitel hatte man aber zumindest schon einmal gedacht, so dass Spieler ohne ausreichende Englischkenntnisse nicht ganz aufgeschmissen sind. Zumindest hat man schon einen geisterhaften Soundtrack unterlegt, der an Kammermusik aus dem Neunzehnten Jahrhundert erinnert. Gerade bei langen Ratepassagen kann das schon einmal gehörig auf die Nerven gehen.
Stilvoll und passend
Die Präsentation sorgt für ein stimmiges Ambiente. Deutsche Stimmen waren in der vorliegenden Fassung aber noch nicht integriert.
Besser, man stellt die musikalische Untermalung ein wenig leiser. Schön ist dagegen die Funktion, in der alle Dialoge noch einmal im Inventory verzeichnet sind. Ist einem ein wichtiges Detail entfallen, hilft es manchmal weiter, das Gesagte noch einmal nachzulesen.
Sehr gut weiß die Grafik zu gefallen. Sehr stilvoll passt die filigrane Gestaltung in das viktorianische Ambiente, in dem die Schauermär stattfindet. Die Innenräume sind geschmackvoll gestaltet und verführen das Auge zum längeren Verweilen. Auch das Intermezzo auf dem Friedhof lässt von der Optik her das Herz eines jeden Goth-Freaks höher schlagen. Zumindest dann, wenn noch ein Puls vorhanden ist. So wird der untote Verführer sich also primär an seine Fans richten und eventuell auch die Freunde des Point’n’Click-Genres in seinen Bann ziehen können.



