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Schöner, neuer Krieg

09.11.2007 | PC | Autor: André

Ach, ach, ach – die armen Shooterspieler! Schlecht bedient wurden sie ja schon die letzten Jahre. Doch in diesem November hört man das Wehklagen an allen Ecken und Enden: „Wer soll das alles bezahlen?“, fragt der eine, während sein Kumpel bereits in gedanklicher Beschaffungskriminalität überlegt, ob der Diebstahlsschutz im Kaufhaus wohl auch dann funktioniert, wenn man das Spiel in Alufolie einwickelt.

Tatsächlich standen wohl selten zuvor so viele heiß ersehnte Ballermänner Spalier: „Crysis“, „Clive Barker’s Jericho“, „Half Life Episode 2“, „Team Fortress 2“, „Unreal Tournament 3“, „Halo 3“ – wenn auch nur auf Xbox 360 – und eben „Call of Duty 4“. Während wir mit unserem Test zu „Jericho“ ja immerhin schon mal für ein wenig Entwarnung im Geldbeutel sorgen konnten, können wir euch im Falle von „CoD 4“ leider keinen Gefallen tun. Infinity Wards neuester Ausflug in die verträumte Heldenwelt des Militärs macht praktisch nichts falsch. Zumindest solange man es dem Spiel nicht vorhalten will, dass auch hier der Krieg als Action-Schießbude dargestellt wird. Da wir als Schreiber zum Glück völlig moralfrei auf die Welt gekommen sind, überlassen wir die Bewertung des Ganzen wie immer euch.

Juhuu, ein neuer Krieg!
Das neueste, schönste, tollste, beste am neuen Einsatzbefehl ist natürlich das frische Szenario. Nach jahrelangem Rumgejammer über immer neue Weltkriegsshooter sind wir gern die ersten, die sagen: „Danke, Infinity Ward! Danke, dass ihr den Teufelskreis aus dem immer gleichen Szenario und trotz den guten Verkaufszahlen durchbrochen habt, um uns etwas Neues zu bieten!“. Dieses Neue ist eine hervorragende, wenn auch mit kaum sieben Stunden Spielzeit sehr kurze Einzelspielerkampagne, in der ihr euch auf die Jagd nach dem russischen Ultranationalisten Zakahev begebt. Der hat sich ausgerechnet mit dem arabischen Terrorbruder Al-Assad verbündet, um im eigenen Lande die Herrschaft über Land, Leute und Atomwaffen an sich zu reißen. Von all dem wisst ihr zu Beginn des Spiels noch relativ wenig und erfahrt auch im weiteren Verlauf der in drei Akte unterteilten Kampagne nicht viel mehr. Die gesamte Story beschränkt sich darauf, ein Team der US-Marines und eine SAS-Einheit hinter verschiedenen Schlüsselfiguren des Terrorkomplotts her rennen zu lassen.

WWII ist Vergangenheit
Das neue Szenario ist eine echte Erfrischung. Leider ist die Story relativ flach - dafür stimmt die Action.

Mal stirbt ein Bösewicht, mal bläst er sich selbst das Hirn raus, und zwischendrin wird auch mal ganz im Jack-Bauer-Zeitgeist ein Gefangener gefoltert und anschließend exekutiert. Doch zu keinem Zeitpunkt gerät das Spiel ernsthaft in Gefahr eine spannende Handlung zu erzählen, die geeignet wäre zum Weiterspielen zu motivieren.

Einsatz mit Kommando
Doch zum Glück ist das gar nicht nötig, denn die atemberaubenden Feuergefechte allein sind Grund genug, sich ein ums andere Mal immer wieder hinter das G36C und seinesgleichen zu klemmen. Genau die Tugenden, die schon die Vorgängertitel so gut machten, bringt auch die vierte Ausgabe mit an den Tisch: Eine hervorragende Soundkulisse, sehr gute Grafik und vor allem Schlachten, die so intensiv, chaotisch, actionreich und in gewisser Weise „real“ wirken wie sonst nirgendwo.

Schon der erste Level ist einfach ein wahres Action-Gedicht: Inmitten eines tosenden Sturms seilt ihr euch mit eurem SAS-Team auf ein schwankendes Schiff ab, um dort Skimasken tragendes Gesocks abzufertigen. Entsprechend schwankt der ganze „Level“ vor euren Augen nach rechts und links, Regen peitscht über das Deck, Wellenberge rollen dahin und brechen sich an der Schiffswand in gewaltigen Gischtfontänen, und inmitten dieses unglaublichen Unwetters nehmen euch die ersten Terrorschützen aufs Korn. Dabei agieren eure Kollegen ungemein realistisch, beziehen toll Stellung und geben euch tatsächlich das Gefühl, mit Profis zusammen zu arbeiten. Die wirklich herausragende Inszenierung der Schlachten bezahlt ihr allerdings mit spielerischer Freiheit. Wer Level mehrmals spielt, wird schnell bemerken, dass eure Kollegen keineswegs eine tolle KI antreibt. Sie laufen stets die gleichen vorberechneten Bahnen ab und gehen an den gleichen Punkten in Stellung. Ab und zu werden sogar einige Gegner automatisch an der immer gleichen Stelle erschossen. Beim ersten Mal Spielen fällt euch das allerdings nur selten auf. Meist ist die Illusion gut bis großartig gelungen, und es nervt nur, dass ihr absolut nichts alleine machen dürft. Wenn eine Tür zu öffnen, zu sprengen oder einzutreten ist, müsst ihr stets brav warten, bis euer Team davor versammelt ist wie die Familie um den Weihnachtsbaum.

Filmreife Inszenierung
Die Gefechte in „Call of Duty 4“ wurden herausragend in Szene gesetzt und gestalten sich abwechslungsreich.

Das ganze Spiel über seid ihr ein braver Befehlsempfänger ohne Chance auf Eigeninitiative. Auf verschiedenen Wegen zum Ziel zu kommen ist nur in den wenigsten Leveln möglich. Stattdessen versuchen die Designer euch mit schlauchförmigen Leveln auf Kurs zu halten und stellen auch schon mal eine Straße mit notorisch hochexplosiven Autos voll, damit ihr nicht allzu schnell vorpreschen könnt.

Immer voran!
Das müssen sie deshalb tun, weil Vorrücken in „Call of Duty 4“ fast noch wichtiger ist als Schießen und Treffen. Denn solange ihr an einem Fleck verharrt, schiebt das Spiel fleißig immer neue Gegner nach. Stundenlang könnt ihr dann auf die aus Häusern und Seitenstraßen rennenden Gegner ballern. Erst sobald ihr einen bestimmten Punkt erreicht habt, bricht der Gegnernachschub plötzlich ab. Wundern tut es nicht. Wer bereit ist für seinen irren Anführer den Märtyrertod zu sterben, kann so besonders helle nicht sein. Das muss dann eben durch Masse kompensiert werden. Und tatsächlich: Zwar suchen die Schergen des Terrors ordentlich Deckung und schlagen euch besonders im Nahkampf schneller nieder als George Foreman, aber so richtig clever sind die Jungs nicht. Besonders mit einem neuen Feature des Spiels haben sie zu kämpfen: der Materialpenetration. Ab sofort durchschlagen eure Kugeln nämlich abhängig vom Kaliber sogar dünne Mauern. Wer das geflissentlich ausnutzt, durchsiebt so manchen Angreifer, der sich eigentlich in Deckung wähnte. Aber wer will das schon – so sieht man ja nichts! Dabei wird in „Call of Duty 4“ schöner gestorben denn je. Die Sterbeanimationen, besonders die Reaktionen auf Treffer, sind exzellent. Auch sonst sehen die sprintenden, springenden, taumelnden und kriechenden Soldaten super aus – und sogar ihre deutsche Sprachausgabe ist gut gelungen. Das gilt so ziemlich für das ganze Spiel. Die Grafik ist zwar nicht auf dem Niveau von „Crysis“, sieht aber wirklich sehr gut aus und läuft dafür eben auch nicht nur auf NASA-Rechnern in der höchsten Detailstufe. Im Verlauf des Spiels ballert ihr euch nicht nur über den erwähnten Terror-Kutter, es geht auch im Nahen Osten zur Sache, wo ihr euch durch Wellblech-Slums, über Müllhalden und durch Betonsiedlungen schießen müsst.

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