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Knarren! Ich will Knarren!

04.11.2009 | Xbox 360 Playstation 3 PC | Autor: André

Im Grunde hatten wir Gearbox ja schon ein wenig abgeschrieben. Nach dem fantastischen „Half-Life“-Add-On „Opposing Force“ galt das junge Team zunächst als Shooting-Star unter den Entwicklern. Auch sein „MDK 2“ war originell und abgedreht und ließ auf Großes hoffen. Doch irgendwann verloren sich die Jungs um Randy Pitchford im oberen Mittelfeld. Nach den ersten beiden „Brothers in Arms“-Teilen schienen sie endgültig im seichten Mainstream für amerikanische Durchschnittszocker zu versinken.

Überraschenderweise gelang dann ausgerechnet „Brothers in Arms 3“ besser als erwartet: toll inszeniert, nicht mehr ganz so dumpf-militaristisch wie die Vorgänger und mit einigen bemerkenswerten Spielabschnitten. Es gab also doch noch Hoffnung! Mit entsprechender Vorfreude wartete die KGN-Redaktion danach auf „Borderlands“, den großen neuen Gearbox-Titel. Eine Art Kreuzung aus „Fallout 3“ und „Diablo“ sollte es werden: ein Shooter im Endzeit-Szenario, der vom Spieler mehr verlangt als bloßes Gegner-Anklicken und Kombinieren von Zaubersprüchen, aber gleichzeitig auch die typische Sammelsucht erzeugt. Hierfür entwickelte Gearbox eigens ein Baukastensystem, aus dem Hunderttausende unterschiedlicher Schießprügel hervorgehen können, die das Spiel dann zufällig zusammenwürfelt, wann immer der Spieler eine Kiste öffnet. Im Endeffekt erfüllt „Borderlands“ diese Ansprüche vollkommen. Schade ist nur, dass es darüber hinaus so wenig zu bieten hat.

Das erste Opfer: die Handlung
Zum Beispiel wäre eine gute Story nett gewesen. Aber „Borderlands“ bietet denjenigen, die von einem „Rollenspiel-Shooter“ mehr erwarten als Zahlenschieberei im Charaktermenü, kaum Futter. Als eine von vier Spielfiguren ballert ihr euch durch die Fantasiewelt „Pandora“, auf der Suche nach dem sagenumwobenen „Vault“. Der mysteriöse Bunker gilt als ein Ort an dem Wünsche wahr werden, fernab der ansonsten zu einem einzigen „Death Valley“ verödeten Welt. Aus dieser mit der von „Fallout“ fast identischen Prämisse macht Gearbox aber so gut wie gar nichts. Hier und da erzählen ein paar Audiologs und Textboxen die Geschichte weiter.

Gelegentliche Videos einer mysteriösen Fremden sind fast alles was an Story geboten wird. Dennoch motiviert die Sammelwut.

Die Einblendung einer unbekannten jungen Frau, die euch bei eurer Suche nach dem Vault anspornt, sorgt ebenfalls für „Wieso sehe ich die und was will die“-Fragezeichen über dem Kopf des Spielers. Doch das an sich interessant angelegte Mysterium steigt nur alle paar Stunden mal wieder aus der Masse der Missionen empor und bleibt über lange, lange Zeit viel zu vage, um die Neugier des Spielers aufrecht zu erhalten. Auch die zahlreichen Quests, zu denen ihr in Pandora aufbrecht, sind größtenteils unspektakuläre Sammel- und Kopfjäger-Missionen.

Wer ein Spiel sucht, das ihn mit seiner spannenden Story unterhält, ist daher bei „Borderlands“ völlig fehl am Platz. Bestenfalls ein paar der skurrilen Charaktere im Spiel lassen erahnen, dass die beteiligten Autoren mehr zu tun hatten als Mittags die Essensbestellungen vom übrigen Team aufzunehmen.

Pures Sammelfieber
Überhaupt ist „Borderlands“ ein Spiel für Puristen. Es geht schlicht und ergreifend um die ewige Jagd nach der nächsten, noch besseren Knarre. Nicht um mehr und nicht um weniger. Dank der kompetent umgesetzten Shooter-Mechanik und den gut gesetzten Erfahrungsstufen bemerkt man immer wieder kleine Fortschritte im Spiel, wenn man beim Level-Up seinen Waffen ein bisschen mehr Durchschlagskraft spendiert, wenn das Scharfschützengewehr jetzt etwas näher ranzoomen kann oder einfach, wenn das neue MG ein größeres Magazin aufweist.

Ständig seid ihr auf der Jagd nach einer besseren Waffe. Schnell wird man vom Sammelfieber gepackt.

Allein echte Shooter-Profis werden die Nase rümpfen, denn sie bleiben chronisch unterfordert. So oft wir uns jedoch zuvor über die scheinbar so amerikanische Idee lustig gemacht haben, ein Spiel fast ausschließlich über seine unüberschaubare Menge an Feuerwaffen zu verkaufen, so zähneknirschend müssen wir zugeben, dass es funktioniert. Während man in vielen Rollenspielen ewig mit der gleichen Waffe unterwegs ist, bis man mal was Besseres findet, ist die „bessere Waffe“ in „Borderlands“ immer nur ein paar Kisten entfernt. Mehr Schaden, mehr Schuss, ein wenig Säure-, Elektro- oder Feuerschaden extra, und schon gibt es wieder einen Wachwechsel auf einem der vier Waffenslots. Sehr lobenswert ist, dass Zuwächse in Präzision, Schaden und dergleichen spürbare Auswirkungen im Spiel haben. Wer sich bisher als anfällig für diese Art von „Nur noch schnell schauen, was in der nächsten Kiste ist“-Spielmechanik erwiesen hat, wird mit „Borderlands“ stundenlang Spaß haben.

Koop mal wieder der Held
Ganz besonders viel Spaß bringt übrigens der tolle Koop-Modus für bis zu vier Spieler. Darin ballert man sich gemeinsam durch Horden von Spinnentieren, psychotischen Endzeit-Barbaren und anderen Widersachern aus der halbwegs abwechslungsreichen Gegnerpalette des Spiels. Jede der vier Klassen im Spiel hat hierfür eigene Vor- und Nachteile, die besonders im Teamspiel zur Geltung kommen. Als Soldat könnt ihr zum Beispiel einen automatischen Geschützturm aufstellen, der in höheren Aufbaustufen auch alle Team-Mitglieder in der Nähe heilt oder mit neuer Munition versorgt. Als Jäger wiederum habt ihr die Möglichkeit, mit eurem Haustier, einer Art Riesenfledermaus, verschanzte Gegner hinter Hindernissen auszuknipsen und so weiter. Die Fähigkeitsbäume der Klassen sind allerdings sehr bescheiden ausgefallen, und neue Fähigkeitspunkte, die ihr beim Stufenanstieg erhaltet, lassen sich fast immer nur zur Verbesserung der einen oder anderen Statistik benutzen. Ein bis zwei coole Sachen lassen sich zwar freischalten – zum Beispiel kann der Geschützturm des Soldaten später auch Raketen verschießen –, aber das war es dann auch schon. Für ein Spiel, das derart auf das reine Charakter-Hochzüchten ausgelegt ist, eine ziemlich lauwarme Auswahl, leider.

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