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Schockierend gut

27.08.2007 | PC | Autor: André

Heute machen wir es ein bisschen wie „Bioshock“ und schmeißen euch ohne große Vorwarnung ins kalte Wasser. Wohlgemerkt nicht das Wasser im Pool der Ferienanlage in Antalya, sondern das im Pazifik. Kalt ist es auch nur bedingt, immerhin brennen gerade einige hundert Liter Kerosin auf seiner Oberfläche. Doch siehe da, es gibt eine Lücke im Flammeninferno und einen einsamen Leuchtturm, mitten auf See, der uns das Leben rettet. Zitternd und triefend erklimmen wir die Stufen bis zur Tür und schlüpfen ins Innere, wo uns eine Taucherkugel in eines der besten Spiele der letzten Jahre entführt.

Wir sind tief gesunken
Schon die interaktive Einführung von „Bioshock“ zeigt, wo die Reise bei diesem Spiel hin geht: In die Taucherglocke gezwängt, sehen wir zunächst einen kurzen Propagandafilm, der vor uns vom Projektor rattert. „Hat ein Mann kein Anrecht auf seiner Stirne Schweiß?“, fragt darin jemand namens Andrew Ryan und meint es rhetorisch. In seiner Welt gibt es keine moralischen Grenzen oder dergleichen. Wer hart arbeitet, wer seine Visionen wahr machen will, dem stehen alle Türen offen. „Ich habe mich entschieden, all diese Dinge hinter mir zu lassen“, knarzt Ryans markante Stimme aus den Lautsprechern, „statt ihrer wählte ich: Rapture“. Und wie in einem perfekt inszenierten Theaterstück fährt die Leinwand herunter und gibt die Sicht durch das einzige Bullauge der Kapsel frei. Vorbei an einer riesigen Statue fällt der Blick auf eine gewaltige unterseeische Stadt, komplett mit Hochhäusern und Leuchtreklame. Ein riesiger Wal schwimmt einsam seufzend durch die Straßenschluchten ohne Straßen, ein Tintenfisch huscht vorbei, und aus der Ferne sehen wir eigenartige Gestalten durch die gläsernen Tunnel marschieren, welche die Gebäude der Stadt mit einander verbinden. Seitdem wir vor über zehn Jahren in „Half-Life“ auf den Black Mesa Komplex zusteuerten, hat es ein solches Spielintro nicht mehr gegeben. Grafik, Sound, Sprachausgabe und Timing sitzen wie ein Maßanzug. Sogar die Hintergrundgeschichte funktioniert nicht allein auf einer oberflächlichen Ebene. Je mehr man über Ryans Wahn und Visionen erfährt, desto unsicherer ist man, was davon zu halten ist. Er ist irre, aber man kommt nicht umhin, seinen Idealen auch etwas abzugewinnen. Er verachtet die Sorte Mensch, die stets nur Bedenken vor sich her trägt und von der Gesellschaft Unterstützung fordert, ohne sich selbst einzubringen. Sein „Rapture“ sollte mehr sein als nur ein Forscherparadies unter dem Ozean. Er träumte von einer Gesellschaft, die der Leistung ihrer Mitglieder verpflichtet ist, wo dem Fleißigen und dem Visionär keinerlei Schranken gesetzt sind. Allein durch die Abwesenheit jedweder ethischer Schranken verwandelt sich sein Atlantis in eine Horrorvision – grafisch, stilistisch und von Seiten der Handlung so konsequent und brillant umgesetzt wie in nur wenigen Spielen zuvor.

Adam und Splicer
Bei unserer Ankunft in Rapture ist der Traum von der Freiheit unter Wasser freilich schon ausgeträumt.

Rapture
Inszenierung aus dem Lehrbuch: Mit perfektem Timing enthüllt das Spiel den ersten Blick auf die Untersee-Metropole Rapture.

Die Station ist verwüstet, und blutrünstige Kreaturen die so genannten „Splicer“ schleichen durch die Schatten. Sie sind auf der Jagd nach Adam, einer genetischen Super-Substanz, mit der sich der Bauplan eines Menschen völlig neu schreiben lässt. Mit Adam wollten die Menschen von Rapture schöner und stärker werden – die alte Mär vom Übermenschen eben. Doch blond wurde keiner von ihnen, und blauäugig war allenfalls der Umgang mit dem genetischen Wundermittel. Statt Superkräften kam der Wahnsinn, und das Morden fing an. Meist selbst blutig entstellt, sind die Splicer noch immer auf der Suche nach einem Weg, die Zeit zurück zu drehen. Das Wundermittel Adam ist das einzige, von dem sie sich Rettung versprechen, und sie tun alles, um seiner habhaft zu werden. Auf unserem Weg durch „Rapture“ stoßen wir an allen Ecken und Enden auf die Spuren schrecklichen Gemetzels.


Da liegen blutverschmierte Leichen in den Gängen, andere Opfer hängen furchtbar entstellt von der Decke, und mancherorts fehlt zwar vom Opfer jede Spur, angesichts der Ausmaße des Blutbads ist man dafür aber mehr als dankbar. Auch sonst ist das Spiel selbst in der zensierten deutschen Fassung nicht zimperlich. Da werden Menschen mit Golfschlägern zu Tode geprügelt, mit riesigen Bohrern bearbeitet, mit Sicheln aufgeschlitzt und hängen als Dekoration mit geöffneter Bauchdecke an den Wänden.

Splice & Dice
Die Splicer sind ehemalige Bewohner von Rapture. Vom Adam in den Wahnsinn getrieben, sind sie nun blutrünstige Irre.

Herausgenommen wurde oft nur ein guter Teil des aktiv umherspritzenden Blutes. Ansonsten ist der Titel weitgehend unverändert. Selbst Uncut-Junkies sollten mit diesen moderaten Änderungen leben können.

Viel gruseliger als die explizite Gewalt ist ohnehin der alltägliche Irrsinn in Rapture. Der spricht in erster Linie aus den Sprachaufzeichnungen der ehemaligen Bewohner der Stadt zu uns. Da diktieren Schönheitschirurgen ihre zunehmend irrsinnigeren Vorstellungen von Ästhetik, da herrscht Andrew Ryan mit eiserner Hand und nicht minder festen Prinzipien, und in einer emotional aufwühlenden Aufzeichnung verabschiedet sich ein Elternpaar von seiner Tochter, bevor es Selbstmord begeht. Zu der Zeit steht der Spieler bereits vor ihren verwesten Leichen, die sich im Ehebett in ewiger Umarmung aneinander schmiegen. Neben ihnen liegen noch die Pillendose und ein Bild des Kindes.

Die Kleine ist mittlerweile eine „Little Sister“ geworden. Die zombiehaften Mädchen ziehen mit armlangen Spritzen durch Rapture und saugen das Adam aus den Körpern Verstorbener. Das macht sie wiederum zu einem beliebten Ziel von Splicern – und dem Spieler. Für jede „kleine Schwester“, die ihr einfangt, kassiert ihr nämlich ordentlich Adam. Das wiederum ermöglicht es euch, neue Spezialfähigkeiten zu erwerben: Feuerbälle werfen, Gegner einfrieren oder per Telekinese Gegenstände durch den Raum schleudern. Die meisten sind an den rosa leuchtenden „Gatherer’s Garden“-Verkaufsautomaten sogar in verschiedenen Stufen verfügbar. Auch alle übrigen Gegenstände im Spiel sind per Münzeinwurf erhältlich: Munition, Gesundheit, Waffenupgrades – ein jedes hat seine eigenen Verkaufsautomaten. Die könnt ihr, wie alle Maschinen im Spiel, übrigens auch hacken. Dazu absolviert ihr ein Minispiel im Geiste des Klassikers „Pipe Mania“ und baut möglichst schnell eine Pipeline von A nach B, indem ihr einzelne Rohrstücke vertauscht. Als Belohnung werden die Preise in der Maschine gesenkt. Wird eine automatische Kanone gehackt, ballert sie sogar fortan auf eure Gegner. Kameras hingegen hetzen den Splicern in gehacktem Zustand sofort kleine Wachroboter auf den Hals, wenn sie sie entdecken.

Solche Unterstützung ist zuweilen auch mehr als nötig. Denn bevor ihr beispielsweise eines der Mädchen um sein Adam erleichtern könnt, müsst ihr an ihrem Bodyguard vorbei. Die „Big Daddies“ sind wahre Hünen in altertümlichen Taucheranzügen, die sofort einen Tobsuchtsanfall bekommen, wenn ihr einer Little Sister zu nahe kommt. Die Geschwindigkeit, mit der die ansonsten so träge umher schlurfenden Monstren dann plötzlich auf euch zustürmen, um euch mit riesigen Bohrern und anderem Gerät zu bearbeiten, ist mehr als erschreckend. Selbst mit schwerem Gerät braucht es über ein halbes Dutzend Treffer, bevor ein Big Daddy im Blutrausch aus den Latschen kippt. Danach ist es Zeit, die Belohnung einzusammeln. Im Spiel habt ihr die Möglichkeit, die kleinen Mädchen entweder mittels genetischen Handauflegens zu heilen oder aber die Ursache ihres Leidens aus ihren Körpern zu holen. Nur eine der beiden Varianten überleben die kleinen Schwestern. Die Darstellung ist dabei zwar praktisch gewaltfrei, aber es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Besonders angesichts der Tatsache, dass das Spiel sehr deutlich macht, dass es sich wirklich um kleine Mädchen handeln soll, die noch dazu Opfer eines reichlich ekligen Experiments wurden.

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