- 15 Days
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- Publisher: dtp
- Entwickler: House of Tales
- Genre: Adventure
- Release: 20.11.2009
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Moderne Robin Hoods
02.06.2009 |
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Autor: André
Das Adventure-Genre sucht seit Jahren nach einer Basis um endlich wieder vorne mitzuspielen. Doch jahrelang bogen sich die Regale der Händler unter Stangenware aus dem Osten. Angesichts niedriger Absätze trauten sich nur wenige Adventure-Autoren und Publisher abseits von ausgetretenen Pfaden zu wandeln. Unter den deutschen Herstellern dürfen sich hier vor allem Dtp und das ehemals unabhängige Bremer Studio House of Tales einer Vorreiterrolle rühmen. Nach dem noch einigermaßen nach Rezept erstellten „Das Geheimnis der Druiden“ folgte zunächst der Big-Brother-Thriller „The Moment of Silence“. Danach „Overclocked“, ein düsteres Psychodrama über die Ursprünge von Gewalt. Vor allem letzteres war von vornherein nie für eine breite Masse bestimmt. Nachdenklich, melancholisch, verschachtelt und mitunter auch verworren behandelte es ein ernstes Thema ohne es durch humorige oder zynische Einlagen zu verwässern. Die Hauptfigur des Spiels überraschte mit einer eingehenden Charakterisierung und seinem deprimierend realen Leiden in den Scherben seiner Ehe. Für den Mut, endlich auch erwachsene Themen und mehrdimensionale Charaktere in Adventures zuzulassen, wurde Martin Ganteföhr, Autor all dieser Spiele, im Jahre 2007 mit dem Innovationspreis des Deutschen Entwicklerpreises geehrt. Die Auszeichnung ist der wichtigste Kritikerpreis der deutschen Spielebranche und wird von einer breit gefächerten Jury bestehend aus Journalisten, Entwicklern, Mitarbeitern großer Publisher und freiberuflichen Künstlern verliehen. Nach rund einem Jahr Funkstille steht nun das neue Spiel der Bremer ins Haus: „15 Days“.
Schade: Kein Wellness-Wochenende
Die Story klingt diesmal nicht ganz so ungewöhnlich. Und vor allem heiterer. Denn alles beginnt auf einer Geburtstagsparty in London: Cathryn Hope, jung, brünett, lebenslustig und natürlich attraktiv feiert mit zwei Freunden ihren 30. Geburtstag. Doch das Geschenk, das Cathryn von ihren beiden Kommilitonen Mike Mensforth und Bernard Dewaele bekommt ist nicht das Wellness-Wochenende oder der Lush-Einkaufsgutschein, den man erwarten würde. Stattdessen haben sich die beiden Londoner für ihre hübsche Freundin etwas ausgefalleneres einfallen lassen: Sie schenken Cathryn einen Zeiger der Turmuhr von Big Ben. Im Original.
In ihrem Londoner Loft planen Cathryn, Mike und Bernard den nächsten großen Bruch für die gute Sache.
Offiziell sind Cathryn, Mike und Bernard nichts weiter als eine kleine, politisch angehauchte WG in London, wie es sie zu Hunderten gibt. Cathryn gibt Kletterunterricht und verdingt sich als Museumsführerin. Bernard ist Versicherungsmakler im Kunstbetrieb und Mike freiberuflicher Programmierer. Doch hauptberuflich sind die drei eine international gesuchte Einbrecherbande, die sich auf Kunstdiebstahl spezialisiert hat. In von Cathryn akribisch geplanten, zunehmend waghalsigeren Aktionen stehlen sie immer wertvollere Kunstwerke. Zuletzt riss sich das Trio ein wertvolles Portrait aus einer Ausstellung in Südafrika unter den Nagel. Nun gilt es erneut einen Termin im London Eye, dem großen Riesenrad im Herzen Londons wahrzunehmen. Dort treffen sie sich mit ihren zwielichtigen Auftraggebern um die Beutestücke zu Geld zu machen und weitere Aufträge an Land zu ziehen.
Moderne Robin Hoods
Obwohl sich die Drei mit ihren kriminellen Drahtseilakten eine goldene Nase verdienen könnten, geht es ihnen jedoch nicht ums Geld. Der politische Anstrich ihrer WG ist mehr als nur Tarnung. Cathryn, Bernard und Mike wollen tatsächlich die Welt verändern. All die dicken Summen, die ihre Raubzüge einbringen, wandern daher nicht in die Haushaltskasse der Aktivisten-WG, sondern auf die Konten von Entwicklungshilfe-Organisationen und Globalisierungsgegnern.
Cathryn schleicht sich des Nachts durchs Londoner Museum of Modern Art, auf der Suche nach frischer Beute.
Moment mal! Politische Themen in einem Adventure? Spätestens hier merkt man, dass House of Tales auch diesmal seinem Credo treu bleibt, Geschichten mit Substanz erzählen zu wollen. Dabei müsst ihr aber nicht fürchten, dass euch das Spiel zu Spenden für die Dritte Welt motivieren will. Vielmehr geht es darum, wie stark junge Menschen von Idealen motiviert sein können und welche Fallstricke in jeder Ideologie lauern. In den Worten von Martin Ganteföhr: „Ich will sicher nicht mit erhobenem Zeigefinger herum wedeln oder gar den Spieler zu irgendwas bekehren. Was ich tun will ist dem Spieler zu zeigen, wie solche Menschen ticken, wie sie denken. Aber auch, welche Macken sie haben und welche Denkfehler in ihrer Ideologie existieren können“.
Eine Frage des Blickwinkels
Diese zweite Perspektive auf die Aktionen von Cathryn und ihrem Team bietet US Sonderermittler Jack Stern. Im Wechsel mit den drei Einbrecherprofis schlüpft der Spieler auch in seinen Anzug und Krawatte.
Dabei ist Stern zunächst gar nicht den drei Kunsträubern auf der Spur. Als wir ihm im Spiel begegnen, hat er hat ganz andere Sorgen: Aus heiterem Himmel ist der britische Außenminister auf seinem Schreibtisch zusammengebrochen, aus Ohren und Nase blutend. Kurze Zeit darauf stirbt er im Krankenhaus. Todesursache: Unbekannt.
Die Straßenszene im Londoner Künstlerviertel zeigt: House of Tales bemüht sich auch optisch neue persönliche Bestmarken zu setzen.
Für Stern Grund genug, die Sache einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Denn eine Notiz des Ministers, kurz vor seinem Tode verfasst, lässt auch einen Zusammenhang zwischen seinem Tod und einem Kunstdiebstahl in Südafrika schließen. Drei Mal dürft ihr raten, wer für diesen Diebstahl verantwortlich war.
Von hier an wird es spannend. Denn während Stern den drei Langfingern auf der Spur ist und langsam aufholt, müssen sich auch unsere Aktivisten irgendwann fragen, ob ihre Aktionen den Tod des Ministers verschuldet haben. Auf ihrer Mission eine bessere Welt zu schaffen, haben sie ihre Gesetzesbrüche stets als entschuldbar betrachtet. Aber wer sind eigentlich die ominösen Hintermänner, von denen die riesigen Geldsummen stammen, die sie kassieren?
US Sonderermittler Jack Stern will den Mörder des britischen Außenministers fassen. Bald ist er aber auch Cathryns Truppe auf der Spur.
Tempo statt Komplettlösung
Das Spiel mit den verschiedenen möglichen Blickwinkeln auf die Welt und wie schnell sich gute Absichten in ihr Gegenteil verkehren können, werden voraussichtlich zentrale Elemente von „15 Days“ sein. Dabei plant House of Tales nach eigenem bekunden eine „schnell geschnittene, moderne Inszenierung“ und „temporeiches Gameplay“. Begriffe, die einen bei einem Adventure erstmal schmunzeln lassen. Doch das Konzept, mit dem Martin Ganteföhr und sein Team das erreichen wollen, klingt gar nicht mal so unmöglich. Zum einen setzt House of Tales auf eine stärkere Segmentierung des Spiels. Das heißt: Viele, vergleichsweise kurze Szenen reihen sich aneinander. Daraus ergibt sich ein dynamischerer Handlungsablauf, als man ihn aus bisherigen Adventures kennt. Zusätzlich soll vor allem in Momenten in denen schnelle Handlungen gefragt sind, der Schwierigkeitsgrad einfacher ausfallen als bisher.
„Was ich erreichen will ist, dass man ein echtes Gefühl von der verstreichenden Zeit bekommt und dabei auch häufig in neue Szenen wechselt“, so Martin Ganteföhr. Neben der veränderten Struktur, soll auch die Handlung an sich die nötige Rasanz mitbringen. "Ich denke, für ein Adventure ist es wirklich schnell inszeniert. Das der Polizist immer so knapp hinter ihnen ist, das gibt dem Spiel schon mal eine gewisse Schnelligkeit und erzeugt das Gefühl von Druck", so Ganteföhr weiter, „trotzdem werdet ihr am Ende sicher nicht da sitzen und sagen „Mensch, das ist ja wie im Film, mit Handkamera und Reißschwenks und allen Extras!“. Aber wir können trotzdem einen Menge machen“.
Damit bewegt sich Ganteföhr einen weiteren Schritt mehr in Richtung „Interactive Fiction“, statt auf dem Muster des klassischen, rätselstarrenden Adventures zu verharren. Ein Trend, der auch in den USA bereits seit einiger Zeit propagiert wird. Besorgt, dass die Aussicht auf einfachere Rätsel die Veteranen unter den Adventure-Knoblern gleich abschrecken könnte, macht er sich daher erstmal nicht: „Wir sind ja nun mal auch House of Tales. Da sollte es keine Überraschung sein, dass bei uns vielleicht die Geschichte stärker im Mittelpunkt steht. Selbst die Hardcore-Zocker finden das ja gut und gerade für sie, die schon so viel gespielt haben, ist es ja möglicher Weise auch interessant, mal ein ganz anderes Spielgefühl, ein anderes Erzähltempo bei einem Adventure zu erleben, anstatt immer die gleichen Erfahrungen zu suchen“.
Mehr Tage, mehr Gehalt!
Was den Spielumfang anbelangt, soll „15 Days“ sogar nochmal gehaltvoller werden, als „Overclocked“. Ganteföhr verspricht mehr echte Spielinhalte im Vergleich zum Vorgänger und trotz reduziertem Schwierigkeitsgrad rund 15 Stunden Spielzeit. 40 Locations werden dafür zur Zeit gerendert, die bereits auf den ersten Screenshots mitunter deutlich detaillierter ausfallen, als die oft sterilen Werke früherer House of Tales Spiele. Insbesondere das Bild in dem man Cathryn vor einem Londoner Pub stehen sieht, ist sehr schön gestaltet worden. Der Blick in die Diebes-WG hat zwar nach wie vor noch ein wenig den von uns oft kritisierten „zu glatten“ Look. Mit einer angepeilten Veröffentlichung im Winter 2009 hat House of Tales aber noch einige Monate Zeit an allen Ecken zu feilen. Wir warten nun vor allem sehr gespannt auf den Moment, an dem uns Dtp selbst Hand an „15 Days“ legen lässt. In vergangenen House of Tales spielen waren wir über Handlung und Charaktere meist begeistert, mit dem Gamedesign aber in Teilen unzufrieden.
Den Schwerpunkt mehr Richtung Handlung zu verschieben und die Rätsel vor allem dazu zu benutzen, den Spieler in eine flotte, spannende Geschichte zu verwickeln, klingt da nach genau dem richtigen Mittel. Zudem wurde Martin Ganteföhr als Spieldesigner und Autor in Personalunion bei „15 Days“ ein wenig in seiner Herkulesarbeit entlastet. Auch das dürfte sich deutlich positiv auswirken. Mehr zum Spiel, zu seiner Arbeit und Adventures im Allgemeinen könnt ihr morgen nachlesen, in einem ausführlichen Interview mit dem preisgekrönten Autor.



